80
Deutschland
zahlt den
Tabak für die
Friedenspfeife
Rußland int reaktionären Dreibund aber wird
weiter mit dem alten Regime fortzuwursteln
suchen.
Nun gebe ich ohne weiteres zu, man kann
der Ansicht sein, ein autokratisch regiertes
korrumpiertes Rußland sei für uns wirtschaft
lich weniger gefährlich, als ein freiheitliches,
das all seine großen wirtschaftlichen Kräfte voll
entfalten kann. Allein man vergesse nicht, daß
die neue Entente sich zunächst zu finanziellen
Zwecken bilden will: Zweie solleil geben, einer
will nehmen. Deutsche Kapitalisten sollen mit
lieueil russischen Anleihen bepackt werden. Ich
habe oft schon an dieser Stelle sehr ernste Be
denken gegen die russische Finanzgebarung
geltend genracht und kann jetzt so wenig, tote
ich es früher konnte, dein deutschen Publikum
raten, russische Anleihen zu kaufen. Denn be
vor Rußland ilicht dem Ausland eine europä
ische Finanzkontrolle oder den eigenen Untertanen
eine Verfassung zugesteht, ist' das Land nicht
kreditwürdig. Dilrch den jetzt projektierten
Dreibund aber wird die Möglichkeit eines
liberalen Regierungsystems itt weite Ferne
gerückt.
Ich bin nicht hellhörig genug, um zu
ivisseii, was die Monarchen aus dem Polarstern
lniteinander gesprochen haben, und zu wenig
geistreich, un: Betrachtungen darüber anzustellen,
was sie gesprochen haben könnten. Aber ob
Rußlands finanzielle Situation zur Sprache
gekommen ist oder nicht, wemr die Könige sich
umarmen, bekommen die Bankiers glltes Wetter.
Daß sie es augenblicklich brauchen,' steht außer
allem Zweifel. Denn auch wenn man nicht
wüßte, daß Witte mit Mendelssohns in Berlin
und mit Hoskier und Rothschilds Bevoll
mächtigten in Paris konferiert hat, daß Ruß-
land eine neue große Anleihe aufnehmen
muß und jetzt schon vorbereitet, wird
niemand bestreiten wollen. Da macht
eine Kaiserreise gute Reklame. Einst fuhr
Nicolai an die Seine, als Herr Witte dort