Metadata: Die Prostitution als soziale Klassenerscheinung und ihre sozialpolitische Bekämpfung

Selbst Anhänger der Kasernierung der Prostitution, wie Herr 
Dr. med. Fabry-Dortmund, halten die Durchführung der Kaser 
nierung der Prostitution in Riesenstädten für kaum möglich. „Wir 
wollen uns nicht verhehlen," so führte er in seinem Referate auf 
dem zweiten Kongreß der „Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung 
der Geschlechtskrankheiten" in München aus, daß sich für die Durch 
führung der Kasernierung gewisse Schwierigkeiten ergeben; so wird 
darauf hingewiesen, daß für die größeren Städte mit mehreren 
hundert Tausend Einwohnern und darüber es kaum zu erreichen 
sei, ausreichende Straßen und Wohnungen ausfindig zu machen, 
zumal gerade die Lage der Straßen eine wenig geeignete sein dürfte, 
wenn sie im Zentrum etwa mnd in der Nähe des Hauptverkehrs 
gelegen sind." 
Bei der eingehenden Erörterung des Kasernierungsgedankens 
drängten sich dem Herrn Dr. Fabry von selbst die schweren Bedenken 
aus, die sich gegen eine rücksichtslose Verweisung junger An 
fängerinnen der Prostitution in die Kasernierungsquartiere der 
Städte regen müssen. Das zwangsweise Zusammenwohnen dieser 
jungen strauchelnden Dirnen mit den ausgelernten Elementen der 
Prostitutionszunft muß sie ja erst völlig zum Fallen bringen. Daher 
hat die Kasernierung der Prostitution, soll sie nicht das Uebel der 
Prostitution noch maßlos steigern, die Organisation einer um 
fassenden sozialen Fürsorge für die entgleisten Mädchen zur not 
wendigen Voraussetzung. Und daß mit der Ueberweisung von 
48 Mädchen im Jahre 1904 in Dortmund an den katholischen Für 
sorgeverein für Mädchen und Frauen und an den evangelischen 
Magdalcnenverein in der Tat herzlich wenig sozial geleistet ist, 
werden selbst die fanatischsten Anhänger der Kasernierung der Pro 
stitution eingestehen müssen. Bei den großen Mängeln des heutigen 
Fürsorgewesens für gefallene Mädchen wird die Kasernierung der 
Prostitution durchweg mehr Nachteile als Vorteile für die Gesell 
schaft, namentlich aber für Dirnen selbst einschließen. Die Pro 
stituierten Dortmunds müssen sich übrigens recht wenig heimisch in 
den Kasernierungsquartieren Dortmunds fühlen. Im Jahre 1902 
belief sich die Gesamtzahl der kontrollierten Dirnen Dortmunds 
auf 314. Von ihnen verzogen von Dortmund 128. 
1903 Gesamtzahl der Prostituierten 313, es verzogen 188 
1904 „ „ „ 343, „ „ 230 
In Bremen ist das Kasernierungsshstem der Prostitution ein 
geführt. Natürlich wird die große Hafen- und Verkehrsstadt Bremen 
außerhalb der einen dem Prostitutionsverkehr übergebenen Straße 
von einer großen Prostitutionsarme überflutet. „Daß für eine solche 
Stadt," hob Dr. Stachow-Bremen auf dem Münchener Kongreß 
der „Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrank 
heiten" hervor, „die reglementierte.und in der Helenenstraße.kaser 
nierte Prostitution nicht die Gesamtheit aller gewerbsmäßig Unzucht
	        
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