Full text: Der historische Materialismus

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Da die Religion einerseits durch die Unwissenheit 
imd die Machtlosigkeit der Menschen der Natur und der 
Gesellschaft gegenüber, und anderseits aus dem Glauben 
an ein mögliches Erkennen der Natur und eine mögliche 
Macht über die Natur entsteht, kann man ruhig sagen, daß 
sie aus dem großen allgemeinen Drang des Menschen zur 
Selbsterhaltung hervorkommt, das heißt aus der Begierde 
zu leben und mächtig und glücklich zu sein, und aus der 
Furcht vor dem Tod und dem Unglück. Sie kommt also 
aus nichts Ueberirdischem, Himmlischem, sondern aus dem 
allergewöhnlichsten, festesten und ersten Prinzip alles Le— 
hens hervor. 
Dieser Drang zur Selbsterhaltung würde aber nicht 
die Religion, das heißt der Glauben an lebende, höhere 
und mächtigere Wesen hervorbringen, wenn nicht im Geiste 
des Menschen drei Eigenschaften vorhanden wären, die 
diesen Glauben möglich, ja notwendig machen. 
Diese Ursachen sind erstens die Neigung des Menschen 
den Dingen der Natur Persönlichkeit zuzuschreiben. Zwei— 
tens der Glaube an den Dualismus des Menschen selbst 
Drittens der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele 
Daß alle Dinge leben ist der gewöhnliche Gedanke 
der primitiven Völker und der Kinder. Sie fühlen alle 
Dinge wie sich selbst und schreiben ihnen also Leben zu 
Der Glaube, daß die Menschen selbst eine doppelte 
Existenz haben, daß sie gespalten sind in Körper und Geist 
Dualismus), kommt aus der Wahrhnehmung der Träume 
und des Todes hervor. Die Träume, in denen der Geist 
den Körper zu verlassen scheint, sagten dem primitiven 
Menschen, daß sein Körper und sein Geist (oder seine 
Seele) zwei Dinge sind, los von einander. Der Tod, den 
er bei den andern sah, lehrte ihn, daß der Geist mit dem 
Atkem den Körper verläßt. 
Aber die Erscheinung der Toten in den Träumen der 
Lebenden mußte, in Verbindung mit dem Glauben, daß 
die Seele den Körper verlasse, den Glauben an die Unsterb— 
sichkeit der Seele erwecken 
Diese drei Meinungen haben dazu beigetragen, dem 
Menschen die Religion zu geben. Der Drang zur Selbst— 
erhaltung, der Wille zum Leben, die Furcht vor Tod und 
Unglück brachten ihn dazu, infolge dieser drei Eigenschaf— 
ten seines Geistes, Wesen zu verehren, denen er Leben. 
Geist, oder sogar Unsterblichkeit zuschrieb, und von welchen
	        
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