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Moderne Seehäfen: Odessa, Triest, Genua, Marseille.
molo gegen die Wogen des Schwarzen Meeres geschützt. Hier in Odessa, dem wichtigsten
Hafen Rußlands am Schwarzen Meer, ist der Stapelplatz des russischen Getreidehandels.
Bereits im Jahre 1886 gingen 20% des enormen von Rußland ausgeführten Quantums
Getreide über Odessa. Die günstige Lage der Stadt, speziell für den Getreidehandel,
ergibt sich aus der Nähe der bedeutendsten Getreide-Gouvernements Rußlands, nämlich:
Bessarabien, Cherson, Taurien, Poltawa, Kiew und Charkow. Große Anlagen (Silos)
sind hier, in ähnlicher Weise wie in den amerikanischen Häfen erbaut worden, um das
Getreide aufspeichern und rasch verladen zu können.
Triest, das antike Tergeste, eine Schöpfung der Römer, kann auf eine lange
Geschichte zurückblicken. Erst viele Jahrhunderte nachdem Aquileja, Ravenna und
Venedig nacheinander von ihrer hohen Stellung herabgesunken waren, kam Triest und
zwar im 18. Jahrhundert zur Bedeutung. Namentlich der Kaiserin Maria Theresia
verdankt der Ort eine Ausgestaltung seiner Hafenanlagen, und eine der Molen führt
noch jetzt den Namen der Herrscherin, unter deren Regierung sie entstand. Die mo
dernen Hafeubauten nahmen 1867 ihren Anfang. Die stattlichen Kais wurden hier
wie an anderen Seehafenplätzen mit Schuppen und Magazinen ausgestattet, die mit
ihrem direkten Eisenbahnanschluß den Anforderungen der Neuzeit Rechnung tragen
und ein rasches, selbst durch die Nacht nicht unterbrochenes Löschen und Laden
der Schiffe gestatten. Ein höchst malerisches Bild ist es, welches das schön gelegene
Triest gewährt, das zwar durch die Semmeringbahn mit dem österreichischen Hinter
lande in Verbindung gesetzt worden ist, aber schwer unter der Konkurrenz anderer
Hafenstädte, so namentlich auch Hamburgs, zu leiden hat, welchem Orte auf der
Elbe ein nicht unwesentlicher Teil der Produkte der österreichischen Industriegebiete zu
geführt werden.
Genua blickt auf eine ruhmreiche Geschichte zurück. Während der Zeit der Kreuz
züge rüstete es große Transportflotten aus, und die im Orient angeknüpften Handels
beziehungen ließen es rasch zu Glanz und Reichtum gelangen. In der Folgezeit spielten
die heftigen Kämpfe mit Venedig um die Herrschaft im Mittelmeer keine geringe Rolle.
Durch die Seeschlacht bei Chioggia im Jahre 1380 wurde dieser Streit zu gunsten
Venedigs entschieden, und die zahlreichen griechischen Besitzungen, auf welchen die
thätigen Genuesen manche Spur ihrer Schaffenskraft zurückgelassen haben, gingen in
den Besitz der glücklichen Rivalin über. Ein wechselvolles Geschick ward Genua zu teil,
in dem leider die Parteikämpfe nicht wenig zur Schwächung beitrugen, bis es in unserem
Jahrhundert sich wieder zu einer bedeutenden Seestadt erhob und zu dem wichtigsten
Hafen des geeinigten Italien wurde. Die Eröffnung des Suezkanals und die Inbetrieb
nahme der Bahnen durch den Mont Cenis und den Gotthard erwiesen sich für Genua
von weittragender Bedeutung und ließen neues kräftiges Leben in der alten Stadt
erblühen. Die Fertigstellung des jetzt in Angriff genommenen Simplontunnels wird
diesem Seehafen weitere Handelsbeziehungen zuführen.
Um den bereits in Genua konzentrierten Handel bewältigen und um sich für die
Zukunft vorbereiten zu können, sind in den letzten Jahrzehnten ausgedehnte Hafenbauten
hergestellt worden, deren Kosten zu einem nicht unbedeutenden Teile von dem Herzoge
von Galliers bestritten wurden. Große Landnngsdämme und Molen sind entstanden,
welche in kunstvoller Weise pneumatisch fundiert wurden und an welchen sich, wie in
anderen modernen-Seehäfen, Schuppen erheben, in welche die Waren aus den Schiffen
mittels hydraulisch betriebener Kräne befördert werden. Genua ist der Haupthafen für
die italienischen Auswanderer, die sich vorwiegend Südamerika zuwenden.
Marseille, wahrscheinlich eine Gründung der Phönizier, ist die einzige antike
Handelsmetropole, die sich bis zum heutigen Tage ihre Bedeutung bewahrt hat.
Während Tyrus, Sidon, Karthago, die Häfen an dem Tiber und Seleucia Pieria
in Trümmer liegen und auch Alexandria und der Piräus ihre einstige Bedeutung
eingebüßt haben, hat Massilia zwar den Namen gewechselt, aber seine vorteilhafte
natürliche Lage hat es gegen ein Verschwinden oder Zugrundegchen geschützt. Einen
der großartigsten Kunsthäfen hat hier die moderne Technik, die an solchen Erzeug-