Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

68 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. [526 
begehrtesten Waren, weil sie die Rohstoffe für alle oder die feineren Werlzeuge und für 
allen Schmuck, für die feinsten Geräte bilden. Bis auf den heutigen Tag ist die Nach— 
frage nach den edlen Metallen für andere als Münzzwecke die Wertbasis auch ihrer 
Geldfunktion. Dazu kommt, daß die edlen Metalle durch ihre Seltenheit und ihre 
hohen Produktionskosten einen besonders großen Tauschwert gegenüber ihrem Umfang 
haben, daß kleine Münzstücke also einen relativ hohen Wert haben, daß man diese 
leicht bei fich tragen und billig transportieren kann. Gold ist, sagt Roscher, 447772 mal, 
Silber 15584 mal transportabler als Weizen. Alle Metalle sind leicht formbar, 
behalten den Stempel und das Gepräge auch bei stetem Wandern von Hand zu Hand 
sür längere Zeit; die edlen Metalle werden durch Luft und Wasser nicht angegriffen, 
selbst das Feuer zerstört höchstens ihre Form, nicht ihre Materie; sie können ohne zu 
biel Schwierigkeit in kleine und kleinste Teile geteilt und trotzdem mit kenntlichem 
Stempel versehen werden, freilich bei primitiver Technik mit so erheblichen Kosten, daß 
die Prägung kleinster Münze früher sehr erschwert war. Der Wert der Edelmetalle 
ist zeitlich und örtlich ein relativ konstanter uund gleichmäßiger; örtlich, weil die 
Transportkosten niedrige sind, zeitlich, weil die vorhandenen Vorräte nur durch Ab— 
nutzung und kleine Zufälle sich vermindern, und sie also stets gegenüber der Produktion 
des Tages und Jahres so groß bleiben, daß auch erhebliche Mehr- und Minderförderungen 
nicht rasch die Gefamtmenge und den Wert steigern oder vermindern können. 
164. Die Epochen des europäischen Geld- und Münzwesens bis 
ins 14. Jahrhundert. Was wir im vorstehenden geschildert haben, können wir als die 
alteste Epoche des Verkehrs, als die des Naturalgeldes bezeichnen: es ist die Zeit, da eine 
Reihe von Gütern nebeneinander als Tauschmittel dient, und nur etwa die Metalle unter 
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Stelle rücken; es ist eine Zeit mit geringem Verkehr und stabilen Wertvorstellungen, 
reine Zeit, welche man als die Epoche der mehrfachen Waren- oder Güter— 
währung bezeichnen könnte, wenn wir unter Währung die Erklärung eines 
Tauschmittels durch Gewohnheit oder Gesetz zum allgemein an— 
erkannten Zahl- und Tauschmittel verstehen. 
a) Eine neue Epoche beginnt, wenn die Metallstücke als Münze geprägt werden, 
d. h. die geprägten Münzen von den Metallstücken, die als Geräte und Schmuck dienen, 
sich definiliv geschieden haben, beide Arten der Metallformung sich als etwas Selb— 
ständiges gegenüber treten. Wie diese Scheidung sich bei den Völkern vollzogen hat, 
die zuerst Münze prägten, wissen wir nicht näher. Für alle späteren Barbaren- und 
stulturvölker hat sich die Scheidung in der Weise gemacht, daß sie zunächst die geprägten 
Münzen der Völker mit früherer Wirtschaftsentwickelung im Wege des Söldnerdienstes, 
des Haufier- und Grenzverkehrs, des Verkaufs von Vieh und Sklaven, von einzelnen 
Naturprodukten erhielten. Die rohen Stämme sahen, daß man mit solcher Münze 
alles kaufen könne, sie begehrten sie zunächst mehr als Schmuck- und Schatz- wie als 
Zahlmittel. Meist entstand mit dem Eindringen der Bronze-, Silber- und Goldmünze 
eine leidenschaftliche Sucht nach solchem Besitz, eine naiv-kindische Freude an demselben, 
vie wir das aus der deutschen Heldensage erfahren; jeder wird hochgepriesen, der durch 
Tapferkeit, List oder Gewalt sich solche Schätze in die Truhe sammelte. Mehr die 
wertvolle schwere Münze als die kleine wird zuerst begehrt; manche Völker des Ostens 
und Afrikas haben heute noch Mariatheresiathaler als ihr großes, alle möglichen 
Waren als ihr kleines Zahlmittel. Die fremde Münze wird als ein Produkt der 
höhern Kultur angestaunt, hochgeschätzt und weit überschätzt. Sie wird als geheimnis— 
volles Kunstwerk, ihre Herstellung als ein Vorrecht der mächtigen Kulturvölker betrachtet, 
von denen sie stammt. Höchstens durch besondere Verleihung glaubten die Germanen— 
oölker in den Besitz des römischen Münzrechts kommen zu können und schlugen dann 
ihre ersten Münzen ganz in der Form wie die römischen. 
Griechische, römische, arabische, in der neuern Geschichte die Münzen aller großen 
Handelsvölker, haben so in weit ausstrahlender Weise bei allen möglichen Stämmen 
und Völkern die Anfänge eines Geld. und Münzverkehrs begründet. Auch in aller
	        
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