Entwickelung und Wesen der ritterlichen Gesellschaft. 197
Zeitalters, um 1230 etwa, erhielt sie eine letzte übersichtliche
Zusammenstellung im illustrierten Sachsenspiegel. Sie war vor
allem eine Symbolik der Hände, die Hand in ihren verschiedenen
Stellungen und Wendungen hatte die mannigfachsten Rechts—
gedanken zu verkünden. Wie empfahl sich da eine nach Um—
ständen abändernde Überführung dieser symbolischen Handlungen
auf den Boden der höfischen Gesellschaft, zumal die Rechts—
symbolik, schon im Verfall begriffen, selbst ihre starren Formen
vom rechtlichen ins konventionelle Gebiet zu verschieben schien!
Täuscht nicht alles, so ist eben aus dieser Quelle der ritterlichen
Sitte ein reicher Strom von Anregungen zugeflossen?.
Aber die feinere Haltung des gesellschaftlichen Treibens,
blieb sie auch für die meisten Zeitgenossen die Hauptsache,
führte doch unbewußt, und freieren Geistern selbst völlig ver—
ständlich, zu einer vertieften sittlichen Anschauung. Den Zu—
sammenhang legt einmal Gottfried von Straßburg in trefflichen
Versen dar?:
Nu bedenke ritterlichen pris
und ouch dich selben, wer du sis;
din geburt und din edelkeit
si dinen ougen vür goleit:
wis diemüet und wis unbetrogen,
wis warhaft und wis wolgezogen,
den armen, den wis iemer guot,
den richen iemer hochgemuot,
er unde minne elliu wip,
wis milte unde getriuwe
und iemer dar an niuwe.
Es sind Lehren, die namentlich von Wolfram von Eschen—
bach und dem Winsbeke auf Grund tiefster Überzeugung und
abgerundeter Lebensanschauung vorgetragen werden. Ausdrücklich
betont der Winsbeke, nicht darauf allein komme es an, zu rechter
1 Vgl. z. B. Gudrun 190, 287, 274, 399, 557, 833 u. s. w., Hart⸗
manns Erec 297, 1412, 1610, 1748, 1881, 2276, 2616 u. s. w. Aber wie
weit liegt auch hier französische Rezeption vor?
2 Tristan 5023.