157
Benutzung ist frei. Solche Asyle wie in Rostow a. D. bilden aber eine
Ausnahme. Auch die gewöhnlichen hölzernen Wetterdächer trifft man
nur auf wenigen Arbeitermärkten, sodass Wanderarbeiter kein Unter
dach haben. Sie gehen geradenwegs von den Strassen auf den Markt
und besetzen alle freien Plätze am Boden. Sie liegen in Gruppen auf
der Erde und sind der Hitze wie dem Regen preisgegeben. Den ganzen
Tag ziehen sie auf dem Marktplatz umher und von einer Trinkstube zu
der anderen, in der Nacht aber schlafen sie auf dem Boden, auf den
Strassen, vor den Läden u. dgh, alle schlafen zusammen —• Männer,
Weiber und Rinder. Neben ihnen findet man die Reste ihrer Nah: ng,
Gemüse, Hering. Alles ist den Sonnenstrahlen ausgesetzt und verbreitet
einen unerträglichen Geruch. Die Luft wird verpestet und häufig brechen
epidemische Krankheiten aus.
2. Die Wohnungsverhältnisse der Arbeiter auf dem Gute.
Das Gesetz vom Jahre 1886 über die Arbeitsbedingungen der Land
arbeiter legt den Arbeitgebern keine Verpflichtungen auf, für die Woh
nungsverhältnisse ihrer Arbeiter zu sorgen. Hier herrscht nur die eigen
mächtige Willkür des Arbeitgebers. Es versteht sich von selbst, dass
die Wohnungsverhältnisse der Landarbeiter auf dem Gute aus diesem
Grunde nicht viel besser sind, als die der Wanderarbeiter auf den Markt
plätzen. Das milde Klima in Südrussland gestattet den Arbeitern, Tag
und Nacht auf dem Felde zu bleiben. Die Arbeiter schlagen ein Lager
auf, einem solchen der Zigeuner ähnlich. Hier stehen die Karren, Fuhr
werke, zwischen welchen eine grobe Decke gezogen ist und als Schutz
gegen die Hitze dient. Dort wird eine Küche improvisiert, in welcher
das Essen bereitet wird. Der Gutshof ist in den grösseren Gutswirt
schaften ziemlich weit entfernt, und es kommt oft vor, dass die Arbeiter
nur einmal in der Woche — am Zahlungstage — hinkommen. Die
ganze übrige Zeit bleiben sie auf dem Felde.
Auch die Nacht wird auf solche Weise verbracht. Man errichtet
aus Matten und einigen hölzernen Stützen mehrere Zelte, um darin die
Nacht zu verbringen; alle schlafen auf dem Boden. Auch Stroh wird
von den Arbeitgebern nicht verabfolgt, da sie es vorziehen, das Vieh
damit zu füttern und zu streuen. Zur Zeit des Mähens ist der Boden
aber zu stachlich, um als Schlafstätte zu dienen. Es ist fast unmöglich,
ohne jede Unterlage darauf zu liegen. Wir haben öfters gesehen, wie
die Arbeiter sich auf die Heu- oder Getreidehaufen legten, um dort,
wenn auch während einiger Stunden, trotz des bestehenden Verbotes,
auszuschlafen.