Full text : Die Arbeiterfrage in der Südrussischen Landwirtschaft

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Im  Mai  und  September  sind  aber  die  Nächte  ziemlich  kühl  und  das
Schlafen  auf  dem  Boden  bringt  nach  den  Berichten  der  Aerzte  verschiedene ­
  Krankheiten  zum  Ausbruch.  «Sehr  seiten  sind  in  den  Steppen
Bessarabiens  Hütten  für  die  Arbeiter  zu  treffen.  Die  Arbeiter  ruhen
während  der  Nacht  unter  freiem  Himmel,  bei  Regen  und  Kälte  und
Nässe.  Viele  erkälten  sich;  einige  sterben  noch  während  der  Arbeit,
die  meisten  der  Kranken  aber  bald  nach  der  Rückkehr  in  ihre  Heimat.» 1 )
Trotz  all  dieser  ungünstigen  Zustände,  unter  denen  die  Arbeiter  leiden,
kann  man  mit  Sicherheit  behaupten,  dass  die  «Wohnungs»verhältnisse
auf  dem  Felde  viel  besser  sind,  als  in  den  wirklichen  Wohnungen,  da,
wo  solche  überhaupt  vorhanden  sind.
Es  sind  sogenannte  Arbeiterkasernen,  die  als  Wohnungen  für  Wanderarbeiter, ­
  wie  auch  für  das  Gesinde  und  einheimische  Arbeiter  dienen.
Ais  solche  Kasernen  werden  am  meisten  alte,  grosse  Küchen,
Scheunen,  überhaupt  alte,  halb  verfallene  Gebäude  benutzt.  Eine  Kaserne,
von  der  uns  ein  Arzt  berichtet,  war  etwa  38  Buss  lang,  7  Fuss  hoch
und  17  Fuss  breit.  Das  Gebäude  hatte  5—6  Fenster,  je  3  Spannen
breit  und  25  Spannen  hoch.  Den  Boden  bildete  die  Erde.  Auf  der  einen
Seite  der  Kaserne  sind  Wandbretter  als  Lagerstätten  eingerichtet.  Die
Kaserne  ist  schmutzig  und  ohne  Ventilation.  In  einer  Ecke  steht  der
eiserne  Ofen,  der  als  Koch-  und  Waschofen  dient.  Beim  Kochen  verbreitet ­
  sich  der  Dampf  in  der  Kaserne  und  schlägt  auf  die  Wände  nieder.
Die  Kaserne  ist  daher  immer  feucht  und  nass;  dazu  kommt  noch,  dass
die  nassen  Kleider  und  Wäschestücke  der  Arbeiter  auf  den  Balken  unter
der  Zimmerdecke  und  auf  den  Wandbrettern  zum  Trocknen  aufgehängt
werden.  Auf  den  schmutzigen,  feuchten  Boden,  auf  das  nasse  Stroh
legen  sich  die  von  der  Tagesarbeit  ermüdeten  Arbeiter  zur  Nachtruhe.
Männer,  Weiber  und  Kinder  schlafen  hier  nebeneinander.
Dies  ist  eine  der  wenigen  Wohnungen,  wie  sie  für  die  Arbeiter  nur
in  den  grösseren,  musterhaft  geleiteten  Wirtschaften  errichtet  werden.
Auf  vielen  anderen  Gutswirtschaften  steht  es  mit  den  Arbeiterwohnungen
viel  schlimmer.  Es  ist  fast  unglaublich,  was  man  in  jeder  Gutswirtschaft
sehen  kann  und  was  uns  die  Aerzte,  die  auf  den  Naturalverpflegungsstationen ­
  angestellt  sind,  darüber  mitteilen.  So  berichtet  ein  Arzt  in
Odessa  von  den  Wohnungszuständen  auf  den  Latifundien  im  Süden  des
Gouv.  Cherson  folgendes:  Die  Arbeiter  werden  in  den  aus  Schilfrohr
und  Ton  gefertigten  Hüttchen  oder  auch  in  Scheunen  untergebracht.

')  Brschosniowsky:  Ein  Vortrag  über  die  Wanderarbeiter,  gehalten  in  dem  Landwirtschaftskomitee
  im  Qouv.  Podoiien  im  Jahre  1902.
            
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