Full text : Die Arbeiterfrage in der Südrussischen Landwirtschaft

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Ablösungszahlungen  nicht  nur  in  Qeld,  sondern  auch  in  der  Form  von
Arbeitsverpflichtung  aufzuerlegen.  Wie  sich  Iwanjukovv  in  seiner  Arbeit
über  die  «Aufhebung  der  Leibeigenschaft»  ausdrückt,  «waren  alle  Hinweise ­
  auf  das  Kaiserliche  Rescript  und  sogar  auf  die  angeblichen  Vorteile
für  die  Bauern  nichts,  als  von  der  Gewinnsucht  angegebene  Forderungen
der  Adeligen,  politische  Kurzsichtigkeit,  Sophismen  und  lügenhafte  Behauptungen ­
  derselben». 1 )  So  haben  die  Gutsherren  als  Mitglieder
verschiedener  Komitees  das  Grundziel  der  Reform  ausgesprochen.  Die
Folgen  haben  alle  Erwartungen  übertroffen.  Die  Redaktionskommission
hat  durch  zahlreiche  Bestimmungen  über  die  Minimal-,  Maximal-  und
Normalanteile  der  konservativen  Partei  nachgegeben;  in  dem  Reglement
vom  19.  Februar  1861  wurden  die  Bestimmungen  der  Redaktionskommission
noch  zu  Gunsten  des  Adels  geändert.  Schiesslich  haben  die  unter  dem
Einfluss  dieser  Rechtssätze  entstandenen  wirtschaftlichen  Verhältnisse
tatsächlich  die  Bauern  in  Abhängigkeit  von  den  Gutsherren  gebracht.
Die  Zuteilung  von  möglichst  geringen  Anteilen  war  aber  nicht  die
einzige  Ursache  dieser  Abhängigkeit.  Die  Komitees  sind  zu  dem  Schluss
gekommen,  dass  die  Leistungen,  von  denen  das  Rescript  sprach,  dem
Werte  des  Anteiles  entsprechen  sollten.  Bei  dem  Mangel  eines  Bodenkatasters ­
  konnte  man  aber  einen  beliebigen  Wert  zu  Grunde  legen.  So
kam  es  dann,  dass  die  Komitees  «Obroks*  bestimmt  haben,  welche  die
zur  Zeit  der  Leibeigenschaft  bestehenden  «Obroks»  übertrafen. 2 )  Die
Redaktionskommission  hat  diese  Bestimmungen  noch  verschlimmert,  indem ­
  sie  eine  Abstufung  von  Leistungen  bestimmt  hat,  was,  wie  es  schon
Jansson  gezeigt  hat,  eine  der  Hauptursachen  der  Entstehung  des  ländlichen ­
  Proletariats  gewesen  ist.
So  hat  die  Reform  vom  19.  Februar  1861  einerseits  den  Mangel
an  Land  bei  den  Bauern  herbeigerufen  und  sie  gezwungen,  die  eigentlichen ­
  Erwerbsquellen  von  Anfang  an  ausserhalb  ihrer  eigenen  Wirtschaft
zu  suchen,  andererseits  hat  sie  auch  diese  Nebenerwerbsquellen  noch
dadurch  vermindert,  dass  sie  den  Bauern  als  eine  besondere  Art  von
Ablösungszahlungen  auferlegt  hat,  für  den  Gutsherrn  unentgeltlich  Arbeit
zu  leisten.  Es  ergibt  sich  also,  dass  durch  die  Reform  vom  19.  Februar
1861  die  gegenwärtige,  bedrängte  Lage  der  neurussischen  Bauernschaft
und  insbesondere  die  jetzt  noch  immer  in  grösserem  Masse  verwendete
Arbeitspacht  ihre  geschichtliche  Erklärung  findet.
Im  dritten  Kapitel  haben  wir  zu  zeigen  versucht,  wie  der  durch
die  Reform  vom  Jahre  1861  entstandene  Mangel  an  Land  sich  mit  der
1)  A.  a.  D.  S.  277.
2 )  Vgl.  Semewsky,  Die  Bauernfrage  in  Russland;  Kornilow,  Bauernverhältnisse,  a.  a.  D.
            
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