Erstes Buch.
Die Begründer.
Kapitel I.
Die Physiokraten.
Das Wort „politische Ökonomie“, wie wir es heute verstehen,
würde um die Mitte des 18. Jahrhunderts nur ganz ungefähr dem
entsprochen haben, was Antoine de Montcheetien 150 Jahre früher
so benannt hatte. Damals stellte es noch keine Spezialwissenschaft
vor. Als Beweis mag der in der „Grande Encyclopedie“ 1755 unter
dieser Überschrift (Economie politique) erschienene Aufsatz genügen,
dessen Verfasser kein geringerer als Jean Jacques Eousseau war.
In diesem Aufsatz findet man nicht annähernd das, was die Über
schrift erwarten läßt. Die politische Ökonomie wurde nicht von der
Politik unterschieden und nicht umsonst hatte man sie mit diesem
Beiwort versehen, das sich heute eher als so lästig erweist, daß man
bemüht ist, es zum Verschwinden zu bringen, indem man von National
ökonomie und Sozialökonomik spricht. Wenn aber die „Politische
Ökonomie“ ein Teil der Eegierungskunst war, so stellte sie doch
auch damals schon jene Abteilung der Verwaltung des Staates vor,
die sich mit dem Wirtschaftsleben beschäftigte, die dem Volk materielle
Wohlfahrt, „das Huhn im Topf“ Heinrich’s IV. zu verschaffen trachtete.
In gleicher Weise hat auch, wie wir sehen werden, Adam Smith
seine Wissenschaft definiert: „Ihr Zweck ist, das Volk und den
Herrscher zu bereichern.“
Nur waren die Ratschläge und Rezepte zur Erreichung dieses
Zieles ebenso verschieden, wie unbestimmt. Die einen hatten ge-
Gide und Rist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinnngen. 1