Full text : Grundzüge der Sozialpolitik

11.  Kapitel.  Beeinflussung  der  Arbeitsbedingungen  durch  Koalitionen.  265

duktion  und  des  Austausches  auf  friedlichem  Wege  —  „durch  den
Appell  an  die  Vernunft  und  das  Gewissen“  —  ist  ein  Hauptprogrammpunkt ­
  des  Ordens.  Seine  Mitgliederzahl  hat  sehr  geschwankt.  Sie
war  1878:12  000,1886:752  000,1887:  585  000,1893:  212000,1897:  325000.
Im  Jahre  1901  war  die  Gesamtzahl  der  in  Gewerkvereinen  organisierten ­
  Arbeiter  rund  1,6  Mill.  Davon  kommen  auf  die  Kohlenarbeiterverbände ­
  275000,  auf  die  Ritter  der  Arbeit  156000,  auf  die
Eisenbahnarbeiterverbände  147000,  auf  die  Tischler  verbände  70000  usw.
Im  ganzen  ist  das  gegenüber  der  großen  Arbeiterzahl  der  Union  nur
eine  bescheidene  Ziffer.
Deutschland  steht  mit  der  absoluten  Zahl  der  in  Berufsvereinen
organisierten  Arbeiter  an  dritter  Stelle.  Die  ersten  deutschen  Vereine
dieser  Art,  der  1865  begründete  Tabakarbeiterverein  und  der  1866
entstandene,  zu  großer  Bedeutung  gelangte  Verband  der  deutschen
Buchdrucker,  sind  ohne  erkennbaren  Zusammenhang  mit  den  englischen
Vorbilde  ins  Leben  getreten.  Letzteres  wurde  erst  durch  die  Berichte
von  Dr.  Max  Hieech  über  eine  1868  nach  England  unternommene
Studienreise  weiteren  Kreisen  in  Deutschland  bekannt.  Die  Folge
war,  daß  in  Berlin  sowohl  der  von  dem  Sozialdemokraten  v.  Schweitzer
auf  den  26.  Sept.  1868  berufene  deutsche  Arbeiterkongreß  als  auch  die
von  Dr.  Hiesch  einberufene  und  von  dem  fortschrittlichen  Abgeordneten
Franz  Dunckee  geleitete  große  Arbeiterversammlung  vom  28.  Sept.
1868  die  Bildung  von  Berufsvereinen  beschlossen.  Die  sozialdemokratischen ­
  Vereine  bezeichneten  sich  als  „Gewerkschaften“  und  „Arbeiterschaften“ ­
  und  waren  hauptsächlich  zur  Organisation  von  Streiks  bestimmt.
Nach  dem  Grundplan  sollten  die  Gewerkschaften  in  32  beruflich  gegliederte ­
  Arbeiterschaften  eingeteilt  werden;  als  Zentralleitung  sollte
der  deutsche  Gewerkschaftsbund  erscheinen.  Die  Entwicklung  nach
diesem  Plan  nahm  einen  vielversprechenden  Anfang.  Aber  schon  1869
veranlaßte  v.  Schweitzee  selbst  die  Auflösung  der  Gewerkschaften  und
den  Übertritt  ihrer  Mitglieder  zu  dem  „Allgemeinen  deutschen  Arbeiterunterstützungsbund“, ­
  der  wohl  den  sozialistischen  Ideen  von  der  allgemeinen ­
  Interessensolidarität  der  Arbeiter  besser  entsprechen  mochte
und  durch  den  engen  Anschluß  an  den  politischen  „Allgemeinen
deutschen  Arbeiterverein“  den  politischen  Bestrebungen  der  sozialdemokratischen ­
  Partei  dienstbar  werden  konnte.  Auch  der  Allgemeine
deutsche  Arbeiterunterstützungsbund  ging  bald  zurück  und  wurde  1874
aufgelöst.  Einige  Gewerkschaften  hatten  sich  ihm  nicht  angeschlossen,
ohne  aber  Bedeutung  erlangen  zu  können.
Daneben  hatten  die  Anhänger  von  Karl  Marx  „internationale
Gewerksgenossenschaften“  entwickelt,  die  vielfach  die  Gewerkschaften
in  sich  aufsogen,  aber  ebenso  wie  diese  in  engstem  Zusammenhänge
mit  der  politischen  Parteiorganisation  standen.  Dem  gegenüber  suchte
            
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