11. Die Entwickelung der deutschen Industrie rc. 89
11. Die Entwickelung der deutschen Industrie in der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Von F. C. Äuber.
Hub er, Deutschland als Industriestaat. Stuttgart, I. G. Lotta Nachfolger, S. U—15.
Auf das Jahrhundert der Technik mit Befriedigung zurückzublicken, dazu haben
wir Deutsche besondere Veranlassung. Deutlich wurde uns dies wieder durch die
Pariser Weltausstellung vor Augen geführt. Zum erstenmal wurde der Menschheit
ein Gesamtbild von der technischen Amwälzung 1851 aus der Londoner Weltausstellung
vorgeführt. Im Vergleich zu jener Zeit haben wir eine ungemein günstigere Position.
Diesmal ivarcn wir sicher: in Paris schlagen unsere Lokomotiven und Automobilen,
unsere Dampfkessel und Maschinen für die Kraft- und Elektrizitätserzeugung, für die
Äolz- und Metallbearbeitung die englische und amerikanische Konkurrenz. Die chemische
Großindustrie hat eine Kollektivausstellung, wie sie kein zweites Land vorführen kann.
Die Abteilung für Schiffbau und Schiffahrt führt die achtunggebietende Stellung dieser
Zweige vor Augen; ebenso die Abteilung für die Erzeugnisse unserer Kunstgewerbe,
unsere Möbel, Silberwaren und Bronzen, und im Anschluß daran die Keramik, die
Spielwaren und der Illustrationsverlag. Nicht minder imposant ist die Ausstellung
der Optik und Feinmechanik.
Das war vor 50 Jahren in London ganz anders. Dort wollte das Ausland
nicht einmal die Existenz einer deutschen Großindustrie anerkennen. Sie war auch
tatsächlich erst in den Anfängen vorhanden.
Damals befand sich unsere Industrie in einer ähnlichen Lage, wie die der Schweiz
drei Jahrzehnte zuvor. Damals schon, nämlich im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts,
hatten sich dort die weltbeherrschenden Spezialitäten ausgebildet. Aber eine „Schweizer
Industrie" gab es nicht. Man kannte eine St. Galler, Züricher, Baseler, Glarner,
Neuenburger, Genfer Industrie, aber die 22 Kantone waren voneinander politisch und
durch Zollschranken, wie unsere früheren Bundes- und Nichtzollvereinsstaaten, abgesperrt.
In wenigen Jahren wurde dann in der Schweiz die Einheitlichkeit in der Zentral-
gewalt, im Zollwesen und in der Vertretung nach außen durchgeführt. And sofort
wuchs, zugleich mit der Entwickelung der Maschinentechnik und des Eisenbahnverkehrs,
die Industrie zusammen, und die Schöpfungen dieser einheitlichen industriellen Kraft
traten vor aller Augen.
Ähnlich entwickelte sich Deutschlands Industrie, und zwar mit Lilfe der Eisen
bahnen. Diese verschafften dem Deutschen Reiche seine zentrale Stellung im Welt
handel, die es seit den Entdeckungen des 16. Jahrhunderts verloren hatte. Sodann
begannen sie von den fünfziger Jahren ab ihre konzentrierende Kraft zu äußern.
Anter ihrem Einfluß schloß sich das Binnenland eng zusammen; es wurde in den
direkten Verkehr mit dem Weltmarkt und in den Kreis der Welthandelspreise herein
gezogen. And nun änderten sich auch die Produttionsformen. Bis dahin war das
Deutsche Reich ein Land der primitiven Äausindustrie und des auf die lokale Nachfrage
beschränkten Kleinbetriebes gewesen. Jetzt vollzog es mit raschen Schritten den Äber-
gang zu der auf den Fernversand und den Massenabsatz angewiesenen Großindusttie.
Ämter den technischen Fortschritten blieb die Anternehmertätigkeit nicht zurück.
Ein neuer Stand, der Fabrikantenstand, kam auf, mit ihm eine neue Organisaüon der
Arbeitsweise und geschäftlichen Kalkulation, des Betriebs und Vertriebs, die den Effett
der Einzelarbeit ungemein steigerte und die gleiche Bedeutung für die Produttion
gewann wie die hochentwickelte Technik. Das deutsche Wirtschaftsleben erfuhr gleichsam eine
Sättigung oder Durchttänkung mit der auf der Maschinenarbeit aufgebauten Großindustrie.