Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

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Zweiter  Teil.  Landet.  IV.  Landelskrisen.

Arbeitseinstellungen,  welche  die  Äberspekulation  infolge  der  erhöhten  Nachfrage  nach
Arbeitern  wie  Blasen  in  die  Löhe  getrieben,  unverrichteter  Dinge  wieder  aufgegeben
werden,  weil  die  Löhne  eine  Tendenz  zum  Sinken  genommen  haben.  Denn  so  will
es  ein  ironisches  Walten  der  Volkswirtschaft,  daß  die  Löhne  gerade  infolge  der  vielverschrieenen ­
  Kapitalistenspekulation  steigen  und  mit  ihr  fallen,  und  daß  Agiotage  und
Arbeiteraufstände  (Streiks)  sich  die  Land  reichen.
Die  Preissteigerung,  welche  in  solchen  Zeiten  in  fast  allen  Zweigen  der  Gütererzeugung ­
  fühlbar  wird,  muß  notwendig  den  Absatz  schmälern  und  manche  Zweige
in  der  natürlichen  Entfaltung  ihrer  Produktion  hemmen,  —  weil  die  Konsumtion  durch
die  Löhe  der  Preise  eingeschränkt  ward.  Dieser  Amstand  muß  natürlich  zur  Steigerung
der  Krisis  beitragen.  Sobald  die  Preise  auf  ihren  normalen  Stand  zurückgekehrt,
nimmt  allmählich  auch  der  Verbrauch  wieder  zu,  und  seine  steigende  Nachfrage  hebt
die  regelrechte  Produktion,  d.  h.  die  Erzeugung  der  zur  gewöhnlichen  Ernährung  und
Unterhaltung  der  Bevölkerung  notwendigen  und  nützlichen  Güter  aufs  neue.
Unsere  Betrachtung  ist  hier  bei  einem  Punkte  angelangt,  welcher  die  Aufmerksamkeit
der  Gesetzgeber  wie  der  Volkswirte  und  Geschäftsleute  auf  sich  zu  lenken  verdient.
Neue  Unternehmungen  pflegen  auf  Verbesserung  der  Produktionsmethoden  und
der  Verkehrsmittel,  auf  neuen  Erfindungen,  neuen  Artikeln  —  oder  auf  einer  Ausdehnung ­
  der  alten  Anlagen  zu  fußen.  Zm  letzteren  Falle  sind  die  Mittel  dazu  nur
aus  Ersparnissen  an  der,  sagen  wir,  jährlichen  —  Konsumtion  zu  schaffen.
Zn  Zeiten  hochflutender  Spekulation  und  steigender  Preise  bringt  aber  die
einreißende  Spielsucht  mit  sich,  daß  man  lieber  alte  bewährte  Produktionszweige  einschränkt, ­
  um  das  dadurch  flüssig  gewordene  Kapital  in  neuen  Unternehmungen  anzulegen, ­
  weil  diese  Agio  bieten  und  höheren  Gewinn  „verheißen"  wie  die  alten  bewährten
Anlagen.  Da  wird  also  häufig  Kapital  gut  rentierenden  sicheren  Anlagen  entzogen,
um  es  in  neuen  Unternehmungen  aufs  Spiel  zu  setzen,  welche  noch  keinen  Reinertrag
bieten,  weil  sie  erst  gegriindet  werden,  ihre  Kundschaft  erst  anwerben  müssen,  und  die
durch  eigene  oder  fremde  Schuld  auch  fehlschlagen  können.
Die  Bauernweisheit,  welche  sich  gegen  jede,  auch  berechtigte  Neuerung  so  hartnäckig
zu  sträuben  pflegt,  ist  daher  im  Durchschnitt  nicht  so  töricht,  als  man  in  der  Regel
meint,  denn  nicht  alle  Neuerungen  bewähren  sich;  und  da  lassen  die  Vielgeprüften
das  Lehrgeld  lieber  die  Lerren  zahlen.
Durch  die  infolge  der  Krisis  eingetretene  Ernüchterung  wird  daher  die  Produktion
wieder  in  die  normale,  gewinnreichere,  weil  gefahrlosere  Bahn  gelenkt,  und  nur  diejenigen ­
  neuen  Unternehmungen  (Eisenbahnen,  Banken,  Bergwerke,  Lütten,  Fabriken  rc.)
halten  sich,  welche  entweder  in  der  Gunst  der  natürlichen  Lage  oder  in  der  Tüchtigkeit
der  leitenden  Kräfte  wirklich  eine  innere  dauernde  Berechtigung  haben.
So  wird  die  Krisis  allmählich  verschmerzt,  und  als  heilsame  Nachwirkung  bleibt  ein
Zmpuls  zu  neuer  solider  Tätigkeit,  eine  Bereicherung  an  Ideen  und  Erfahrungen  übrig.

2.  Die  Tulpenmanie  in  den  Niederlanden  (1634).
Von  Max  Wirth.
Wirth,  Geschichte  der  Handelskrisen.  q.  Ausl.  Frankfurt  a.  ITC-,  I.  D.  Sauerländer,  $oo.
S.  23-26.
Im  Jahre  1554  hatte  der  Naturforscher  Busbeck  die  Tulpe  von  Adrianopel
aus  nach  dem  abendländischen  Europa  gebracht.  Als  dieselbe,  allmählich  angepflanzt
und  vermehrt,  auch  in  den  Niederlanden  eingebürgert  wurde,  entstand  dort  eine  solche
            
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