Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

2.  Gedanken  über  die  Ausbildung  des  jungen  Kaufmanns.  129
bildung  entsprechenden  raschen  Folge  nach  allen  Richtungen  hin  ausbildet.  Das
tut  der  Chef  nicht  einmal  mit  seinen  Söhnen,  geschweige  denn  mit  fremder  Leute  Kindern.
Es  ist  aber  ebenso  unmöglich,  sich  auf  ein  derartiges  Geschäft  theoretisch  vorzubereiten. ­
  Das  kann  nur  die  Praxis  besorgen.  Die  Theorie  wird  nie  das  geben
können,  was  nach  wie  vor  die  Hauptsache  jeder  kaufmännischen  Erziehung  bleibt,  den
jungen  Mann  zum  echten  und  rechten  Kaufmann  zu  machen.
Wenn  ich  meine  eigene  Ansicht  aussprechen  soll,  so  halte  ich  in  erster  Linie
eine  irgendwie  abgeschlossene,  selbstredend  für  die  verschiedenen  Anforderungen  verschieden ­
  abgestufte  allgemeine  Vorbildung  für  unerläßlich.  Es  ist  falsch,  den  Knaben
schon  aus  der  Bürgerschule  mit  kaufmännischen  Disziplinen  zu  belasten,  denn  mit  8
bis  9  Jahren  ist  derselbe  einfach  nicht  imstande,  Verständnis  für  einen  besonderen
Beruf  zu  entfalten,  wir  züchten  damit  nur  Routiniers.  Wir  werden  daher  gut  tun,
unseren  jungen  Kaufleuten  vorerst  eine  gute  Allgemeinbildung  ohne  jede  berufliche
Färbung  zu  geben.  Für  die  große  Masse  der  Kaufleute  ist  nach  allen  Erfahrungen
die  abgeschlossene  Bürgerschule  oder  selbst  die  gewöhnliche  Volksschulbildung  der  Vorbildung ­
  und  Halbbildung  auf  den  untersten  Stufen  des  Gymnasiums  rc.  bei  weitem
vorzuziehen.  Für  die  mittlere  Stufe  kommt  dann  die  Realschule  und  für  diejenigen,
welche  noch  weiter  gehen  wollen,  eine  höhere,  neunklassige  Lehranstalt  in  Betracht,  die
jedoch  bis  zum  Schlüsse  besucht  werden  muß,  denn  es  kommt  in  jedem  Stadium  vor
allen  Dingen  auf  eine  abgeschlossene  Bildung  an.  Danach  ist  eine  gründliche
Praxis  vonnöten,  welche  in  ihrer  Dauer  den  verschiedenen  Anforderungen  der
einzelnen  Branchen  anzupassen  ist.  Ich  halte  dieselbe  für  unerläßlich,  namentlich  zur
.Herausbildung  der  schon  so  oft  erwähnten  und  unbedingt  nötigen  Kaufmannseigenschaften.
Ein  weiteres,  sehr  wichtiges  Moment  in  der  Ausbildung  des  jungen  Kaufmanns
ist  die  Erziehung  seines  Charakters.  Dieselbe  wird  von  unseren  Lehrherrn  viel  zu
sehr  vernachlässigt.  Der  heutige  Lehrherr  wirkt  zwar  auf  die  Ausbildung  der  speziellen
kaufmännischen  Eigenschaften  ein,  aber  er  erzieht  zu  wenig  im  allgemeinen  Sinne.  Während
der  Kaufmann  der  älteren  Zeit  seine  Hauptaufgabe  darin  suchte,  den  Lehrling  zu
einem  tüchtigen  Charakter,  einen,  gottesfürchtigen,  gewissenhaften,  zuverlässigen  Menschen
zu  machen,  hat  der  Prinzipal  bei  den  heutigen,  gelockerten  Verhältnissen  im  allgemeinen
nicht  mehr  besondere  Neigung,  in  dieser  Weise  auf  den  Lehrling  zu  wirken.  Es  ist
nicht  mehr  wie  früher,  wo  der  Lehrherr  mit  seinen  Gehilfen  und  Lehrlingen  in  demselben ­
  Zimmer  arbeitete,  wo  die  Mahlzeiten  zusammen  eingenommen  wurden,  wo  man
alle  großen  und  kleinen  Sorgen  des  Geschäftes  von  morgens  bis  abends  durchsprach
und  der  Lehrling  gewissermaßen  in  das  Geschäft  hineinwuchs.  Der  Lehrling  von
heute  kommt  zur  bestiinmten  Stunde  in  das  Geschäft  und  ist  nachher  aus  sich  allein
angewiesen.  Bei  der  schon  erwähnten  Enquete  zählte  man  unter  90  Lehrlingen
24  junge  Leute,  welche  auswärts  in  Pensionen  wohnten  und  sich  somit  mehr  oder
weniger  ganz  überlassen  waren.  Bei  solchen  Verhältnissen  kann  man  den  Lehrlingen
wirklich  keinen  Vorwurf  daraus  machen,  wenn  sie  von  ihrer  Freiheit  zumeist  keinen
sehr  vorteilhaften  Gebrauch  machen.  In  welchem  anderen  Stande  stellt  man  15-  bis
16  jährige  junge  Menschen  so  auf  sich  selbst,  und  in  welchem  anderen  Stande  würde,
wenn  dies  der  Fall  wäre,  das  Ergebnis  ein  günstigeres  sein?

Moll-t,  Volkswirtschasttiches  Lesebuch.

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