Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

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Zweiter  Teil.  Kandel.  VII.  Der  Betrieb  des  Kandels.

Eine  sehr  bedeutende  Stelle  nehmen  allezeit  unter  den  Mitteln  der  Reklame  die
Plakate  ein.
Ganz  gewalüg  hat  im  inländischen  und  im  internationalen  Kandel  das  Aussenden ­
  von  Prospekten  und  Preisverzeichnissen  zugenommen.
Allein  die  weitaus  verbreitetste  und  wichtigste  Form  der  Reklame  ist  die  der
Zeitungsanzeige.
Anfänglich  in  ganz  bescheidener  und  schüchtemer  Rolle  zurückstehend,  beherrscht
heutzutage  die  Anzeige,  das  Inserat,  die  meisten  Zeitungen  stofflich  und  wirtschaftlich.
Ja,  viele  Menschen  halten  und  lesen  Zeitungen  um  der  Anzeigen  willen,  und  es  gibt
bei  uns,  wo  die  Anzeigen  meist  dem  Texte  folgen,  wohl  wenig  Menschen,  insbesondere
aber  wenig  Frauen,  die,  wenn  sie  überhaupt  Zeitungen  lesen,  nicht  wenigstens  die  Lokalzeitungen ­
  von  hinten  zu  lesen  begännen.
Bei  uns,  wie  gesagt,  pflegen,  wenigstens  in  politischen  Zeitungen,  die  Anzeigenteile ­
  vom  Text  durch  den  bekannten  „Strich"  getrennt  zu  sein.  Bisweilen  verschafft
sich  eine  dann  besonders  hoch  zu  vergütende  Reklame  ihren  Platz  über  dem  „Strich".
In  den  politischen  Zeitungen  anderer  Länder,  namentlich  Großbritanniens,  ist  das
Gebiet  der  Reklame  vom  Texte  weniger  scharf  abgegrenzt  und  daher  das  „Vonhintenlesen"
  weniger  angebracht.  In  Pariser  Blättern,  wie  bekannt  und  neuerdings  in  dem
hübschen  Buche  „Paris"  von  Walter  Gensel  gut  geschildert,  spielen  die  eigentlichen
Anzeigenteile  eine  ganz  bescheidene  Rolle;  aber  die  Textseiten  sind  voll  der  raffiniertesten
Reklamen,  die  hier  in  der  Form  von  kleinen  Artikeln  mit  eingeschmuggelt  sind  und
vom  Zeitungsleser  mitgelesen  werden  müssen,  er  mag  wollen  oder  nicht.  Der  „Figaro"
fordert  für  derartige  Reklamen  auf  der  ersten  Seite  40  Francs  für  die  Zeile!
Weitaus  die  häufigste  Form  der  Zeitungsreklame  ist  die  Anzeige.  Aber  es
gibt  bekanntlich  noch  eine  andere  Form  dieser  Reklame,  das  ist  die  Beilage.  Wer
irgend  ein  Angebot  oder  eine  Bekanntmachung  durch  die  Zeitung  verbreiten,  sich  dazu
aber  nicht  des  Anzeigenteils  bedienen  will,  gibt  der  Zeitung  die  der  Auflage  entsprechende ­
  Anzahl  von  Exemplaren  seiner  besonders  vervielfältigten  Bekanntmachung
zur  Mitvcrbreitung  unter  die  Leser.  Diese  Art  der  Reklame  kann  unter  Amständen
billiger  sein  als  das  Inserat,  namentlich  bei  großem  Amfange;  sie  wird  dann  auch
zweckmäßiger  sein,  wenn  der  Inhalt  längeres  Studium  erfordert,  und  da  die  Beilage
zu  diesem  Ende  von  der  flüchtigen  Zeitungslektüre  bis  auf  ruhigere  Zeit  zurückgelegt
werden  kann.
Vorzugsweise  Bücher,  aber  auch  —  leider!  —  Lotteriepläne,  ferner  Pläne  zur
Gründung  größerer  wirtschaftlicher  Anternehmungen,  wie  Banken,  Eisenbahnen,  Berg-,
Elektrizitäts-  und  Wasserwerke  sieht  man  in  der  Form  der  Zeitungsbeilage  ihre  Reklame
machen.  Aber  es  werden  Prospekte  aller  Art  und  auch  Preisverzeichnisse  in  dieser
Form  an  den  Mann  gebracht.
Während  die  anderen  Reklameformen  immer  nur  je  für  gewisse  Angebote  und
Nachfragen  sich  tauglich  erweisen,  ist  die  Mannigfaltigkeit,  in  der  das  Zeitungsinferat
zu  verwenden  ist,  geradezu  unerschöpflich.
Alle  Waren,  die  sich  denken  lassen,  alle  Dienste,  die  der  menschliche
Verkehr  erheischt,  Leistungen  der  allerverschiedensten  Art  sehen  wir  alltäglich
in  der  Form  der  Zeitungsanzeige  anbieten  und  suchen.  Bei  der  unendlichen  Inseratenfülle
  namentlich  großer  Zeitungen  ist  es  klar,  daß  eine  gewisse  Kunst  dazu  gehört,  hier
das,  was  man  anzubieten  hat  oder  begehrt,  in  der  Form  anzubieten  oder  zu  suchen,
daß  es  den  Augen  der  Interessenten  nicht  entgeht,  und  daß  es  die  gewollte  Wirkung
tut.  Sicher  erfordert  es  viel  Nachdenken  und  genaue  Kenntnis  der  Triebe  und  des
Geschmackes  der  Menschen,  um  die  rechten  Mittel  zur  Werbung  solcher  fruchtbaren  Aufmerksamkeit ­
  zu  finden  und  diese  Mittel  in  der  möglichst  wirksamen  Form  anzuwenden.  Oft
ersetzt  ein  gewisser  psychologischer  Instinkt  alles  Studium  und  alle  mühsam  erlangte  Kunde.
            
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