Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

3.  Die  Frankfurter  Messe  im  16.  und  17.  Jahrhundert.  195

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Nürnberg  durch  Wechsel  nach  Frankfurt  remittiert  und  von  dort  in  bar  nach
Brüssel  gesandt  wurden,  welcher  letztere  Transport  allerdings  damals  noch  Aufsehen
erregte.  In  demselben  Jahre  hatten  die  Fugger  in  einer  anderen  Frankfurter  Messe
77000  fl.  bar  einzukassieren,  was  ihnen  für  eine  Messe  doch  noch  zu  viel  war:  sie
klagten,  daß  sie  nicht  genug  Leute  dorthin  geschickt  hätten,  um  den  Betrag  zu  erheben;
aber  sie  erklärten  jetzt  doch  schon,  sie  könnten  den  Platz  nicht  mehr  entbehren.  So
kam  es  denn  im  folgenden  Jahre  (1585)  wenigstens  zur  Schaffung  einer  festen  Meßwährung: ­
  die  Kaufleute  einigten  sich  über  die  Geldsorten,  welche  sie  in  Zahlung
annehmen  wollten,  und  über  die  Preise,  zu  denen  dies  geschehen  solle.  Erheblich
länger  noch  dauerte  es,  bis  sich  die  Vereinfachung  des  Zahlungsprozesses  durch
Errichtung  eines  „Meß-Skontro"  einbürgerte.  Mochten  auch  schon  früher  im
Nürnberger  Kose,  der  größten  Kerberge  von  Meßfremden,  manche  Zahlungen
unter  Geschäftsfreunden  gewohnheitsmäßig  kompensiert  worden  sein,  zu  einem  Systeme
wurde  dies  jedenfalls  erst  im  17.  Jahrhundert,  als  sich  bereits  regelmäßige  Börsenversammlungen ­
  auf  dem  Römerberge  gebildet  hatten  oder  gerade  durch  die  Notwendigkeit ­
  des  Skontrierens  bildeten.  Wechsel-  und  Zahlungsverkehr  sind  hier  wie  an
anderen  Orten  die  ersten  Arsachen  zur  Börsenbildung  gewesen.
Aus  alledem  ersieht  man  schon,  daß  die  Frankfurter  Messen  der  Entwickelung
der  Genueser  Messen  nur  langsam  folgten  und,  solange  diese  blühten,  von  ihnen
weitaus  in  den  Schatten  gestellt  wurden.  Dafür  war  ihre  Entwickelung  aber  auch
solider  und  nachhaltiger.  Zunächst  beruhte  ihre  Kauptstärke  auf  dem  Warenhandel,
der  bei  den  Genueser  Messen  ganz  fehlte.  Die  riskanten  Finanzgeschäfte,  welche  bei
diesen  die  Lauptrolle  spielten,  kamen  in  Frankfurt  erst  in  zweiter  oder  dritter  Linie  in
Betracht.  Sodann  war  die  Äauptfunktion  der  Genueser  Messen  die  Vermittlung  des
südeuropäischen  Verkehrs,  der  zurückging;  die  Kauptfunktion  der  Frankfurter  Messen
dagegen  war  die  Vermittlung  des  nordeuropäischen  Verkehrs,  der  im  Aufschwünge
begriffen  war.  Sie  bildeten  für  England  und  die  Niederlande  einen  Vorposten  im
Kerzen  des  Kontinents.  Im  internationalen  Zahlungsverkehre  dienten  sie  hauptsächlich
der  Vermittlung  zwischen  Italien  und  Oberdeutschland  einerseits,  den  Niederlanden,
England  und  Hamburg  andererseits.  Grade  dieser  Verkehr  war  es,  der  zeitweilig
große  Geldsummen  nach  Frankfurt  führte,  und  der  so  zunächst  den  Anstoß  gab  zur
Bildung  eines  Kapitalmarktes  von  Bedeutung.  Als  Sammler  und  Verteiler  dieser
Kapitalien  standen  offenbar  in  erster  Reihe  die  eingewanderten  Niederländer.
Die  Bedeutung  des  Frankfurter  Kapitalmarktes  ging  während  der  zweiten  Lälfte
des  Dreißigjährigen  Krieges  wieder  zurück,  was  durch  den  Krieg,  noch  mehr  aber  durch
die  gewaltig  zunehmende  internationale  Bedeutung  des  Amsterdamer  Kapitalmarktes
veranlaßt  wurde.  Auch  nach  dem  Friedensschlüsse  blieb  Frankfurt  als  Kapitalmarkt
noch  langezeit  ein  Trabant  Amsterdams,  von  dem  es  sich  erst  im  Anfange  des
19.  Jahrhunderts  emanzipierte.  Bis  dahin  standen  noch  immer  Nachkommen  mancher
Einwanderer  des  16.  Jahrhunderts,  wie  die  Deneufville,  die  d'Orville,  Gogel,  Gontard
u.  a.  in  der  vordersten  Reihe  der  Frankfurter  Bankiers,  andere  wie  die  de  Bary,
du  Fay,  Leerse,  Passavant,  Sarasin  spielten  noch  eine  ähnliche  Rolle  im  Warenhandel.
Jenes  vorübergehende  Sinken  des  Frankfurter  Kapitalmarktes  erfolgte  um  dieselbe
Zeit,  als  auch  die  Genueser  Wechselmessen  in  Verfall  gerieten.  Die  außerordentliche
Bedeutung,  welche  die  Messen  in  einer  Zeit  allgemeiner  kriegerischer  Verwirrung  in
West-  und  Südeuropa  für  den  Kapitalverkehr  erlangt  hatten,  verschwand  wieder,  sobald
dieser  sich  einer  neuen  Weltbörse  als  Mittelpunkt  bedienen  konnte;  aber  während  die
Genueser  Messen  rasch  und  endgültig  verfielen,  blieb  Frankfurt  ein  bedeutender  Mittelpunkt ­
  des  Waren-  und  Wechsclverkehrs,  bis  es  sich  schließlich  auch  in  einen  modernen
Börsenplatz  verwandelte.
            
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