Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

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Zweiter  Teil.  Handel.  IX.  Märkte  und  Messen.

4.  Der  Breslauer  Wollmarkt  und  die  Firma  Eichborn  $  Co.
Von  Kurt  Moriz-Eichborn.

llkoriz-Lichborn,  Das  Soll  und  Haben  von  Lichborn  &  Lo.  in  \75  Jahren.  Lin
schlesischer  Beitrag  zur  vaterländischen  Wirtschaftsgeschichte.  Breslau,  wilh.  Gottl.  Kor»,  1902.
S.  302—208.
Die  Rolle,  welche  der  Firma  Eichborn  &  Co.  in  Breslau,  die  als  älteste  Privatbankfirma
  Schlesiens  wie  zugleich  des  ganzen  Ostens  der  preußischen  Monarchie  im
Jahre  1903  auf  ein  175  jähriges  Bestehen  zurückblicken  konnte,  in  der  Finanzierung
der  Geschäfte  der  ehemals  in  langem  Zeitlaufe  weltberühmten  Breslauer  Wollmärkte
zugefallen  ist,  ist  ebenso  bedeutend  wie  vielseitig  und  ausgedehnt  gewesen;  denn  die
Firma  wurde  nicht  nur  als  Bankier  und  Kommissionär,  sondern  bis  zur  Erbauung
der  Eisenbahnen  auch  als  Spediteur  von  den  Wollinteressenten  in  Anspruch  genommen.
Schon  zu  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  sehen  wir  sie  mit  kommissionsweisem
Einkauf  von  Wolle  beschäftigt.  Doch  erst  feit  der  Freigabe  der  Wollausfuhr  durch
die  Preußische  Regierung  und  nach  dem  endgültigen  Frieden  des  Jahres  1815  hat
die  eigentliche  Entwickelung  des  Breslauer  Wollmarktes  begonnen,  die  dann  allerdings
in  überraschend  kurzer  Zeit  zu  jener  gewaltigen  Bedeutung  geführt  hat,  die  zwei
Drittel  des  19.  Jahrhunderts  hindurch  Breslau  nochmals  in  große  internationale
Beziehungen  gebracht  und  gleichsam  einen  Nachhall  seiner  großen  europäischen  Handelstätigkeit ­
  früherer  Zeiten  wenigstens  auf  einige  Tage  in  jedem  Jahre  in  seinen  alten
Mauern  wachgerufen  hat.
Es  waren  in  der  Regel  für  den  Frühjahrsmarkt  vier  Tage,  für  den  Herbstmarkt, ­
  der  bedeutend  kleiner  war  und  Mitte  des  Jahrhunderts  ganz  in  Wegfall
gekommen  ist,  zwei  Tage  anberaumt,  —  für  die  zu  bewältigende  Arbeit  ein  sehr
kurzer  Zeitraum.  Die  größte  Schwierigkeit  bereitete  der  Firma  jeweils  die  Beschaffung
des  Geldes,  da  es  sich  um  außerordentlich  große  Summen  handelte,  die  innerhalb  der
wenigen  Markttage  in  Hunderten  von  unrunden  Beträgen  bar  ausgezahlt  werden
mußten.  Die  Firma  sammelte  daher,  wie  sie  hierüber  bereits  am  30.  Mai  1818,
also  zu  einer  Zeit,  wo  die  Entwickelung  des  Wollmarktes  eben  erst  begonnen  hatte,
an  M.  Oppenheim  &  Wolfs  in  Berlin  schreibt,  schon  geraume  Zeit  vorher  ihre  Fonds,
um  auf  alles  gerüstet  zu  sein.  Erschwerend  wirkte  hierbei  der  Amstand,  daß  sie  den
inländischen  Fabrikanten,  deren  eigene  Mittel  bei  den  durch  die  Konkurrenzkäufe  des
Auslandes  gesteigerten  Wollpreisen  nicht  auslangten,  mit  mehr  oder  weniger  bedeutenden
Anterstützungcn  zu  Hilfe  kommen  mußte.
Da  die  fremden  Häuser  durch  Vertreter  die  Einkäufe  selbst  besorgten,  fiel
zunächst  für  Eichborn  &  Co.  ihre  bisherige  Kommissionstätigkeit  und  der  damit  verbundene ­
  Verdienst  aus,  doch  verzichteten  sie  in  Anbetracht  der  der  ganzen  Provinz
durch  den  Zufluß  der  Ausländer  erwachsenden  Vorteile  gern  darauf.
Der  Fremdenzufluß,  besonders  aus  England,  wurde  noch  weit  stärker,  als  sich
dieses  entschloß,  vom  5.  Juli  1824  an  den  Einfuhrzoll  auf  fremde  Wolle  um  5 / 6
herabzusetzen,  und  so  konnte  ein  Anonymus  in  den  Schlesischen  Provinzialblättern  1827
bereits  schreiben,  „daß  der  Wollmarkt  zu  Breslau  seit  einigen  Jahren  schnell  zu  einer
vor  kurzem  fast  nicht  geahnten  Wichtigkeit  und  Ausdehnung  gelangt  und  nunmehr
mit  Recht  als  Weltmarkt  zu  betrachten  sei."
Die  Bücher  der  Firma  liefern  die  sprechendsten  Beweise  hierfür.  Im  Jahre
1828  z.  B.  hat  die  Firma  Glyn  Halifax  Mills  &  Co.  in  London  allein  Akkreditive
im  Betrage  von  Lstrl.  42000  —  Mk.  840000  auf  Eichborn  &  Co.  ausgestellt.
Der  bei  weitem  größte  Teil  der  Käufer  stand  nämlich  mit  der  Firma  nicht  in  lau-
            
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