Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

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Zweiter  Teil.  Kandel.  X.  Die  Börse.

der  in  wilden  Sprüngen  vor  sich  gehende  Preisaufschwung  jener  Perioden  einer  übertreibenden ­
  Laussespekulation  —  könnte  es  doch  zur  Durchführung  eines  Baisseinanövers
notwendig  werden,  immer  neue  Getreidemassen  auf  den  Markt  zu  werfen,  was  aus
Naturgründen  sehr  bald  seine  Grenze  findet.  Auch  jene  Laussespekulationen  find  nun
trotz  der  großen  Kapitalien,  die  ihnen  namentlich  der  Chikagoer  Milliardärsohn  Leite,
im  Jahre  1897/98  dienstbar  gemacht  hat,  alsbald  mit  jähem  Ruck  zusammengebrochen
als  die  tatsächlichen  Voraussetzungen  der  Berechnungen  sich  als  falsch  erwiesen,  als
unter  dem  Einfluß  der  gesteigerten  Preise  immer  neue  Massen  auf  den  Markt  kamen
und  schließlich  eine  bessere  Ernte  vollends  den  Laussemanövern  den  Boden  entzog:  der
Vorrat  erwies  sich  als  größer,  denn  angenommen  war,  und  konnte  daher  wieder  in
Einklang  mit  der  Nachfrage  gesetzt  werden.  Der  Preisrückgang  der  letzten  drei  Jahrzehnte ­
  läßt  sich  aus  dem  Leranziehen  immer  neuer  Produktionsgebiete  und  aus  der
Verbilligung  des  Transports  zu  Lande  und  namentlich  zu  Wasser  vollauf  erklären,  ohne
daß  es  des  Rückgriffs  auf  die  angebliche  Baissetendenz  des  Termingeschäfts  bedarf.
Lat  sich  also  auch  der  preisbildende  Spekulativhandel  zu  einem  selbständigen
Geschäftszweig  entwickelt,  so  hat  er  sich  doch  vom  Effektivhandel  nicht  völlig  losgelöst,
sich  gar  nicht  völlig  loslösen  können;  er  geht  nicht  seine  eigenen  Wege  ohne  Rücksicht
auf  die  realen  Grundlagen  des  Getreidehandcls.  Lind  sind  auch  gewaltsame  Störungen
der  regelmäßigen  Preisbildung  unzweifelhaft  vorgekommen,  so  schließen  doch  auch  sie
sich  stets  entsprechenden  Vorgängen  in  der  Produktionssphäre  an,  und  sie  finden  ungleich
heftigere,  die  Preisnot  bis  zur  Lungersnot  gewaltsam  steigernde  Vorbilder  in  jenen
früheren  Zeiten,  in  denen  Angebot  und  Nachfrage  nur  lokal  zum  Ausgleich  gebracht
werden  konnten.  Die  Verselbständigung  des  Spekulativhandels  und  die  Ausbildung
der  ihm  dienenden  Organe  hat  mithin  derartige  Auswüchse  allerdings  nicht  zu  beseitigen
vermocht;  sie  hat  aber  doch  durch  die  Verbreiterung  des  Wirkungsbereichs  die  Durchführung ­
  solcher  Manöver  immerhin  erschwert.  Auch  durch  die  Zentralproduktenbörsen
nnd  ihren  Terminhandel  ist  also  die  Preisbildung  nicht  Preiswillkür  geworden.  Dieser
entscheidende  Vorwurf  trifft  nicht  zu.
Dem  gegenüber  bedeutet  es  für  die  Volkswirtschaft  eines  Landes  einen  entschiedenen
Vorteil,  wenn  sie  im  Rate  des  Weltmarktes  selbständig  durch  eine  eigene  Zentralbörse
vertreten  ist.  Allerdings  ist  dieser  Vorteil  aus  dem  Gebiet  des  Getreidehandels  nicht
so  handgreiflich  wie  auf  dem  des  Geld-  und  Effektenverkehrs;  aber  zu  beobachten  war
er  doch  auch  in  jenen  Jahren,  in  denen  die  deutsche  Zentralproduktenbörse,  die  Produktenbörse ­
  von  Berlin,  im  Schmollwinkel  des  früheren  Lospitals  zum  Leiligen  Geist  ein
nur  verstohlenes  Dasein  führte:  das  Fehlen  der  amtlichen,  unter  der  Kontrolle  der
gegenseitigen  Interessen  zustande  gekommenen  Preisnotierung  machte  sich  allenthalben
sehr  störend  bemerkbar.  Nicht  am  wenigsten  bei  den  Landwirten  selbst,  die  sich  vorher
nur  allzusehr  nach  ihr  gerichtet  hatten  und  sich  nun  hilflos  ihrer  Richtschnur  beraubt
sahen.  Die  Ländler  konnten  die  Notiz  leichter  entbehren;  sie  erhielten  von  ihren  Berliner
Verbindungen  nach  wie  vor  die  gewohnten  Börsenberichte  einschließlich  der  Preisangaben,
und  sie  nutzten  die  Allwissenheit  der  Produzenten  sicherlich  zu  einer  Erhöhung  der
Risikoprämie  aus.
And  mit  der  vielersehnten  und  dann  vielgerühmten  Verselbständigung  der  kleineren
Börsen  war  es  auch  nichts,  denn  hier  trat  an  die  Stelle  des  Berliner  Preisberichtes
ganz  allgemein  der  Prciszettel  von  Chikago;  es  war  also  nur  eine  umständliche  Amrechnung ­
  nötig  geworden  und  die  Abhängigkeit  vom  Ausland  ganz  evident.  Außerdem
hat  die  Berliner  Produktenbörse,  eben  als  Zentralbörse,  die  Interessen  der  deutschen
Volkswirtschaft  geschlossen  auf  dem  Weltmarkt  zur  Geltung  gebracht;  jetzt  zersplitterten
sich  die  Einflüsse,  die  Abhängigkeit  vom  Ausland  mußte  also  stärker  werden.
Es  ist  daher  ziemlich  allgemein  mit  einem  Seufzer  der  Erleichterung  begrüßt
worden,  als  endlich  die  Berliner  Produktenbörse  ihre  offizielle  Tätigkeit  wiederaufnahm.
            
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