Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

7.  Die  Gründerzeit  der  1850  er  Jahre  rc.

249

7.  Die  Gründerzeit  der  1850  er  Jahre
in  ihrer  Bedeutung  für  die  Entfaltung  kapitalistischen
Wesens  in  Deutschland.
Von  Werner  Sombart.

Soiiibart,  Die  deutsche  Volkswirtschaft  im  Neunzehnten  Jahrhundert.  Berlin,  Georg
Bondi,  *903.  S.  90—96.
Durch  ein  wunderbares  Zusammentreffen  fielen  in  das  eine  denkwürdige  Jahr
1848  drei  Entdeckungen,  die  bestimmt  sein  sollten,  eine  neue  Epoche  der  Weltgeschichte
einzuleiten:  die  Entdeckung  der  reichen  Goldschätze  in  den  Gebirgen  Kaliforniens  und
in  Australien,  sowie  die  Entdeckung  der  ergiebigsten  Quecksilberminen  in  Mexiko,  die
einer  entsprechenden  Äebung  der  Silberproduktion  gleichkam.
Die  gewaltigen  Mengen  von  Edelmetallen,  die  dadurch  dem  Weltmärkte  zugeführt
wurden,  strömten  zunächst  nach  den  Vereinigten  Staaten  und  England  ab;  von  hier
gelangten  sie  dann  auf  dem  Wege  des  Landels  zu  uns.  Zunächst  noch,  ohne  genutzt
zu  werden.  Vielmehr  sorgte  das  Mißtrauen,  das  als  Folge  der  politischen  Wirren
der  vergangenen  Jahre  noch  in  der  Geschäftswelt  zurückgeblieben  war,  dafür,  daß  sie
in  Kellern  und  Truhen  eingeschlossen  wurden.  Sie  wagten  sich  anfangs  sogar  noch
nicht  einmal  in  die  Banken.  Erst  im  Jahre  1851  begannen  sie  diesen  zuzuströmen,
dann  freilich  so  plötzlich,  daß  sie  die  Tresors  der  Banken  förmlich  überfluteten.  Allein
bei  der  Preußischen  Bank  stiegen  die  freiwilligen  Privatdepositen  von  Januar  bis
August  1851  von  4 8 / 4  auf  9Va  Millionen  Taler,  so  daß  die  Bank,  die  nicht  wußte,
was  sie  mit  dem  Gelde  anfangen  sollte,  sich  am  1.  Oktober  1851  zu  der  im  Bankgeschäft ­
  beispiellosen  Maßregel  gezwungen  sah,  die  bereits  längere  Zeit  bei  ihr  ruhenden
Privatdepositen  zu  kündigen.  Die  Metallvorräte  der  preußischen  Bank  aber  betrugen
am  1.  Januar  1851  10,8  Millionen  Taler,  am  31.  Oktober  desselben  Jahres  jedoch
23,7  Millionen  Taler.
Endlich  war  die  Zeit  wieder  gekommen  für  das  Erwachen  des  Erwerbsstrebens,
der  Gewinnsucht,  des  Unternehmungsgeistes.  In  einer  Weise,  wie  noch  nie,  ergriff
der  Taumel  die  gesamte  Kulturwelt  Europas.  Was  die  Furcht  vor  politischen  Anruhen
an  kapitalistischer  Energie  während  der  letzten  Jahre  zurückgehalten  hatte,  brach  jetzt
mit  einem  mächtigen  Getöse  hervor,  seit  insbesondere  durch  den  Staatsstreich  Napoleons
und  den  Sieg  der  Reaküon  in  Deutschland  die  Gewähr  für  ein  ungestörtes  Erwerbsleben ­
  im  Innern  auf  Jahre  hinaus  geschaffen  worden  war.
Die  ersten  Jahre  nach  großen  politischen  Ereignissen,  die  ein  Volk  fesseln,  sind
häufig  an  und  für  sich  Zeiten  flotten  Erwerbslebens.  Ausgaben  werden  gemacht,  die
lange  zurückgehalten  wurden;  dadurch  belebt  sich  der  Markt,  das  große  Schwungrad
der  Warenzirkulation  kommt  in  Bewegung,  die  Preise  steigen,  die  Möglichkeit  rascher
Gewinne  wird  eröffnet.  Aber  auch  die  Neigung  dazu  ist  besonders  rege.  Der  politischen
Interessiertheit  folgt  die  Freude  am  materiellen  Wohlleben,  die  wiederum  den  Wunsch
erzeugt,  recht  reich  mit  den  Gütern  dieser  Welt  gesegnet  zu  sein.  Daher  die  Äausseperioden
  im  europäischen,  speziell  dem  deutschen  Wirtschaftsleben  nach  der  französischen
Revolution,  nach  den  Napoleonischen  Kriegen,  nach  der  Iulirevolution  (in  Frankreich),
nach  den  Anruhen  des  Jahres  1848,  nach  dem  deutsch-französischen  Kriege  (in
Deutschland).  Kommt  nun  noch  eine  rasche  Vermehrung  der  Edelmetalle  dieser
allgemeinen  gewinnfrohen  Stimmung  zu  Lilfe,  so  ist  das  Ergebnis  dann  eine  solche
lebendige  Zeit,  wie  die  der  1850  er  Jahre,  in  der  die  Lust  zu  erwerben  die  weitesten
Volkskreise  erfaßte,  in  der  die  Spekulation  mit  einer  früher  nie  gekannten  Mächügkeit
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.