Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

7.  Friedrich  List.  Charakteristik.

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großen  antiken  Redner  sagte,  immer  einen  Stachel  in  der  Seele  des  andern  zurück.
Diese  lebendige,  erweckende  Kraft  lag  auch  in  seiner  Darstellung;  es  war  eine  mächtige,
hinreißende  Volksberedsamkeit,  die  aus  seinen  Aussähen  heraussprach.  In  seinen
Artikeln,  sagt  Laube  sehr  treffend,  war  mehr  als  bloßes  Wissen  und  bloßer  Beweis,
es  war  ein  drangvolles,  den  Leser  zwingendes  Leben  in  diesen  Aufsätzen,  ein  voller,
gewaltiger  Mensch  ordnete,  regierte,  trieb,  unterwarf  uns  hinter  diesen  Zeilen  und  Sähen,
welche  stets  in  künstlerischer  Form  stiegen  und  schwollen  und  am  Ende  des  Artikels
stets  die  höchste  Löhe  des  Ausdrucks  erreichten.  Wen  sie  nicht  überzeugten,  den  rissen
sie  fort,  und  wen  sie  nicht  fortrissen,  den  bestürzten  sie.  Es  focht  in  Lifts  Worten  ein
Genius,  welcher  leider  ziemlich  ungekannt  ist  unseren  Zeitungen  politischen  Themas.
Nichts  war  trocken  in  Lifts  Behandlung!  Lind  wenn  man  obenein  weiß,  daß  er  über
hundert  Gesichtspunkte  nicht  sprach,  absichtlich  nicht  sprach,  weil  er  sparen  gelernt  hatte,
um  zu  wirken,  wenn  man  aus  dem  persönlichen  Verkehr  mit  ihm  erkannte,  daß  gerade
die  von  ihm  verschwiegenen  Gesichtspunkte  die  ergiebigsten,  die  den  Patrioten  wie  den
Mann  des  Fortschritts  entzückendsten  sind,  dann  hatte  man  doppelt  zu  bewundern:  die
Fülle  des  Inhalts  und  die  weise  Beschränkung  in  dem,  was  eben  zu  äußern,  was
eben  auszuführen  war.
In  einem  politisch  reifen  Lande,  wo  nicht  erst  der  Boden  umzuroden  und  die
Wege  zu  bahnen  waren,  hätte  ein  solches  Streben  auch  seine  äußere  Anerkennung  gefunden; ­
  mächtige  Parteien  hätten  einen  solchen  Mann  getragen,  die  Nation  ihm  den
Wirkungskreis  angewiesen,  der  solchen  Kräften  entsprach.  Er  hätte  dort  in  einem  Parlamente ­
  oder  am  Ministertische  seine  Stelle  gefunden;  eine  einzige  der  großen  Schöpfungen,
die  er  anregte,  hätte  ihm  dort  reichlichen  Lohn  für  das  ganze  Leben  gebracht.  Wurde
doch  in  denselben  Tagen,  wo  List  in  einen,  traurigen  Ende  verkümmerte,  der  Mann,
der  in  England  den  ersten  Anstoß  gegeben  hatte  zu  den  Pennyposten,  mit  einer  eigens
für  ihn  geschaffenen  lebenslänglichen  Stelle  entschädigt,  erhielt  doch  bald  nachher  Cobden
von  der  Nation  ein  mehr  als  königliches  Ehrengeschenk.  In  Deutschland,  „wo  man
für  Sänger  und  Klavierspieler,  für  Liebedienerei  und  zweideutige  Verdienste  Auszeichnungen ­
  in  Menge  hat",  wurde  der  Schöpfer  des  Eisenbahnnetzes  kümmerlich  abgesunden, ­
  der  Ratgeber  und  Förderer  einer  Menge  der  wichtigsten  Unternehmungen
kärglich  bezahlt,  und  der  Agitator  für  eine  naüonale  deutsche  Landelspolitik  mußte  sein
mühsam  erworbenes  Vermögen  aufopfern,  ohne  dafür  nur  Dank  zu  finden.  Es  war
ein  Wort  voll  bitterer  Wahrheit,  was  ihm  einmal  der  badische  Minister  Winter  erwiderte,
  dem  er  die  Opfer,  die  er  für  ganz  Deutschland  gebracht,  aufzählte.  „Da
müssen  Sie  sich  eben  an  ganz  Deutschland  halten",  —  erwiderte  der  Staatsmann,
konnte  ihm  aber  nicht  sagen,  wo  dies  Deutschland  zu  finden  war.  So  blieb  er  sein
Leben  lang,  nach  den  glänzendsten  und  fruchtbarsten  Schöpfungen,  die  er  angeregt,  in
das  Joch  der  angestrengten  Arbeit  eingezwängt  und  auf  den  täglich  zu  erringenden
Erwerb  angewiesen;  nachdem  er,  wie  seine  Freunde  sagten,  weite  Strecken  unbrauchbarer, ­
  ja  ungekannter  Wildnis  in  fruchtbares  Land  verwandelt  hatte,  mußte  er  „immerdar ­
  noch  Lolz  hacken",  —  bis  die  Leiden  des  zunehmenden  Alters  und  der  zerrütteten
Gesundheit  ihm  die  frische  Arbeitskraft  zerstörten  und  er  der  quälenden  Sorge  um  die
Zukunft  in  hoffnungsloser  Melancholie  erlag.  „Armer  Freund",  rief  ihm  Laube  nach,
„ein  ganzes  Land  konntest  du  beglücken,  aber  dies  Land  konnte  dir  nicht  einen  Acker
Erde,  konnte  dir  nicht  ein  warmes  Laus  geben  für  die  traurige  Winterzeit  des  Alters!
Dieser  Fluch  des  zerrissenen  Vaterlandes,  in  welchem  man  so  kinderleicht  heimatlos
werden  kann,  in  welchem  das  Genie  selbst  niemand  angehören  darf,  dieser  Fluch  hat
dich  im  Schneestunne  oberhalb  Kufsteins  in  den  Tod  gejagt,  und  unsere  Tränen,  unsere
Lorbeerkränze,  was  sind  sie  deiner  verwaisten  Familie?!  Was  sind  sie  den  guten  Bürgern
und  guten  Egoisten,  die  sich  die  Fülle  des  Leibes  streicheln  und  weislich  sprechen:
der  Staat  ist  nicht  für  Genies  vorhanden!"
Mollat,  Bolkswirtschastliches  Lesebuch.

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