Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

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9.  Lermann  Schulze-Delitzsch.

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Fürsorge  für  die  höhere  und  niedere  Volksbildung  zutage  traten,  und  daneben  eine
ängstliche  Zensur,  eine  unwürdige  Demagogenfurcht,  ein  Mangel  an  Öffentlichkeit,  die
das  frische  Leben,  das  auf  der  einen  Seite  erzeugt  wurde,  auf  der  anderen  wieder  zu
ersticken  drohten.  Dazu  der  Gegensatz  zwischen  Öst  und  West,  zwischen  angestammten
Landen  und  neuen  schwer  zu  assimilierenden  Provinzen,  ein  Gegensatz,  der  bis  zu  gewissem ­
  Grade  auch  die  liberalen  und  konservativen  Grundanschauungen  der  Bevölkerung
geographisch  verteilte.  Wußte  dieser  Staat,  was  er  nach  außen  wollte  und  sollte;
wußte  er,  nach  welchem  Ziel  seine  innere  Entwickelung  drängte?  —
Lansemann  war  gewohnt  zu  disponieren  und  kannte  es  nicht  anders,  als  daß,
wo  er  an  einer  Angelegenheit  mitarbeitete,  sein  Wille  der  maßgebende  war.  Selten
trat  ihm  eine  ebenbürtige  Persönlichkeit  von  gleicher  Willensstärke,  gleicher  Geschäftskenntnis, ­
  gleichem  Scharfblick  gegenüber.  Alle  die  großen  Betriebe,  die  er  geschaffen
hatte,  und  in  denen  er  tätig  war,  stellten  ihm  ein  Leer  von  Untergebenen  zur  Verfügung, ­
  die  mit  Verehrung  und  Bewunderung  zu  ihm  aufblickten,  von  ihm  Förderung
und  Gunst  erwarteten,  aber  auch  zu  seiner  überlegenen  Einsicht  das  vollkommenste  Vertrauen ­
  hatten.  Das  herrschen  mußte  ihm  mit  der  Zeit  zur  Gewohnheit,  zur  anderen
Natur  werden.  Im  Privatverkehr  büßten  die  angeborene  Freundlichkeit,  Lerzensgüte
und  Liebenswürdigkeit  nichts  von  dem  bestrickenden  Reize  ein,  den  sie,  verbunden  mit
dem  Eindrücke  außerordentlicher  Klugheit,  von  jeher  auf  seine  zahlreichen  Freunde  ausgeübt ­
  hatten.  Auch  mochte  er  Widerspruch  wohl  insofern  vertragen,  als  er  ihn  nicht
aufbrausend  oder  heftig  machte  und  ihn  nicht  eigentlich  verletzte.  Daß  aber  seine  politischen ­
  Überzeugungen,  feine  Ansichten  von  der  Zweckmäßigkeit  dieser  oder  jener  Maßregel ­
  die  einzig  richtigen,  ja  möglichen  seien,  stand  für  ihn  unerschütterlich  fest.  Doch
mußte  der  Anspruch,  in  seinem  Kreise  der  Erste  zu  sein,  dem  sich  die  anderen  unterzuordnen ­
  hätten,  mit  einer  gewissen  naiven  Selbstverständlichkeit  hervorgetreten  sein,  und
vor  starrem  Doktrinarismus  bewahrte  ihn  ein  glücklicher  Wirklichkeitssinn.  Er  hat  es
wiederholt  ausgesprochen,  es  komme  in  der  Politik  nicht  darauf  an,  das  unbedingt  und
der  Idee  nach  Beste  zu  erreichen,  sondern  unter  verschiedenen  Möglichkeiten  diejenige
zu  ergreifen,  welche  dem  gewollten  Ziele  mehr  als  die  anderen  zusttebe,  oder  zwischen
verschiedenen  Übeln  das  geringere  zu  wählen.  So  ließ  er  sich  durch  die  Meinungen
und  Beweisführungen  anderer  selten  oder  nie  aus  der  einmal  eingeschlagenen  Richtung
drängen,  wohl  aber  war  er  leicht  bereit,  die  Taktik  zu  wechseln,  wenn  die  Tatsachen
und  anderen  Voraussetzungen  sich  änderten,  welche  für  die  Wahl  der  Mittel  bestimmend
gewesen  waren.  Seinem  beweglichen  Geiste  war  eine  Reihe  unschätzbarer  staatsmännischer
Gaben  eigen,  vor  allem  -  das  Vermögen  rascher  Orientierung  auch  unter  den  verwickeltesten ­
  Verhältnissen  und  der  Wahl  von  zweckmäßigen  Mitteln  für  ein  erreichbares
Ziel;  das  Vertrauen  in  die  eigene  Kraft  und  eine  gewisse  angeborene  Lerrschergabe.
Dagegen  war  seine  Menschenkenntnis  keine  untrügliche.  Wohl  hatte  er  wiederholt  die
rechten  Männer  an  den  rechten  Platz  gesetzt;  aber  auch  an  Enttäuschungen  hatte  es
in  dieser  Beziehung  nicht  gefehlt.

9.  Hermann  Schulze-Delitzsch.
Von  Viktor  Böhmert.

Böhmert,  Schulze-Delitzsch  als  Arbeiterfreund  und  Sozialreformer.  In:  Der  Arbeiterfreund.
  herausgegeben  von  Böhmert  in  Verbindung  mit  Gneist.  XXI.  Jahrgang.  Berlin,
Leonhard  Simion,  (883.  S.  w;—\62  und  S.  ;so—>8(.
Am  29.  April  1883  schlossen  sich  im  einfachen  bürgerlichen  Lause  zu  Potsdam
die  Augen  eines  Mannes,  der  nicht  nur  von  seinen  deutschen  Volksgenossen,  sondern
auch  von  anderen  Nationen  als  einer  der  verdientesten  Vorkämpfer  für  soziale  Reformen
            
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