Full text: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

316 
Dritter Teil. Industrie. 
der handwerksmäßig nicht mehr befriedigt werden konnte. Dieser, der Fabriksbildung 
günstige Entwicklungsprozeß ist im 19. Jahrhundert außerordentlich vorgeschritten. 
Nicht nur die rasche Zunahme der Bevölkerung, das Wachstum der Städte, die 
Verkürzung der Entfernungen, die Regelmäßigkeit und Verbilligung der Verkehrsmittel 
sind der Entwicklung der gewerblichen Produktion günstig gewesen. Auch die staatliche 
Wirtschaftspolitik war mit Notwendigkeit auf eine Begünstigung der gewerblichen 
Großproduktion gerichtet. 
Die Begünstigung der großen fabrikmäßigen Betriebe beginnt bereits im 17. Jahr 
hundert.*) Sie ist eine Begleiterscheinung der Zusammenfassung staatlicher Macht und 
der Ausdehnung politischer.Herrschaft, wie sic namentlich bei den beiden rivalisierenden 
Großmächten des 17. und 18. Jahrhunderts — Frankreich und Großbritannien — 
zu bemerken ist. Der gewerbliche Großbettieb ist ein Mittel finanzieller Kräftigung 
-er Staaten und die notwendige Ergänzung der auf die Eroberung auswärtiger Märkte 
gerichteten Handelspolitik. Eine Reihe von Maßregeln wird ergriffen, um die Industrie 
im Lande zu heben: Steuerbefreiung, Geldunterstützungcn, öffentliche Auszeichnungen, 
persönliche Begünstigungen der Unternehmer und ihrer Arbeiter, Befreiung vom Zunft- 
zwange und anderen Schranken der Gewerbeausübung; Ausfuhrprämien werden gewährt; 
sa der Staat selbst organisiert Musterbetriebe. Dieser sogenannten merkantilistischen 
Politik liegt eine ganz bewußte Schätzung der Großindustrie zugrunde, welche durch 
die Menge der Rohstoffe, die sie verbraucht, für die Arproduttion, durch die Menge 
der Arbeitskräfte, welche sie beschäftigt, für die wachsende Bevölkerung, durch die Masse 
der hergestellten Produkte für den auswärtigen Pandel und endlich durch die erhöhte 
Steuerkraft für die Finanzen des Staates segensreich wurde. Den Bedürfnissen, 
welche diese zunehmende Großindustrie und der auf sic gestützte Pandels-, Geld- und 
Kreditverkehr erweckte, entsprach dann vor allem der Abergang zur Gewcrbefreiheit. 
Das freie Assoziationswesen, die Freizügigkeit der Arbeiter, das freie Niederlassungs 
recht der Anternehmcr, die Bildung großer, einheitlicher Wirtschaftsgebiete mit fteiem 
Verkehr im Inneren, einheitlichem Maß und Gewicht, die Förderung der Absatzwege, 
die Ansammlung großer Kapitalien in Banken als Folge der freien Bewegung der 
Kapitalsverwertung, kurz all' die Maßregeln, welche die Politik der Gewerbefreiheit 
auszeichnen, haben Bedingungen geschaffen, welche für die Großbetriebsentwicklung 
günstig waren. War früher die Wirtschaftspolitik auf die Förderung einzelner Industrien 
durch spezielle Maßnahmen gerichtet, so war jetzt die ganze Wirtschaftspolitik grund 
sätzlich so geordnet, daß ihre Maßregeln dem Großbettieb förderlich werden mußten. 
Nicht als ob man die Gcwerbefreiheit eingeführt hätte, um die Fabriken zu fördern, 
allein es liegt in der Natur der wirtschaftlichen Freiheit, daß sie die vorhandenen 
Entwickelungstendenzen zur vollen Wirkung kommen läßt, indem alle entgegenstehenden 
Lindernisse beseitigt erscheinen. Aber auch soweit positive Maßnahmen der Wirtschafts 
politik in Frage kamen, mußten sic notwendigerweise durch die Bedürfnisse der Groß 
industtie beeinflußt werden; denn es wird 
1. die Wirtschaftspolitik immer die sichtbarsten und am stärksten zum Ausdruck 
kommenden Bedürfnisse zum Ausgangspunkte nehmen, und es ist den Großindustriellen 
natürlich leicht, eine vernehmbare Vertretung ihrer Interessen zu finden; 
2. sind bestehende Großindustrien aus den oben angeführten Gründen immer 
von so entscheidender Wichtigkeit für das ganze wirtschaftliche Leben des Staates, daß 
eine Nichtberücksichtigung ihrer Interessen stets auch die Schädigung weiterer Bevölkerungs- 
tteise in sich schließt; 
*) Über „Süddeutsche Industrie im Zeitalter des Merkantilismus" s. den Aufsatz von 
Eberhard Gotbein S. 80—82. — <S. M.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.