fullscreen: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Erste Blüte individnalistischen Geisteslebens. 203 
III. 
Kaiser Max ließ im Jahre 1515 ein angeblich von ihm 
selbst bearbeitetes Gebetbuch in zehn Exemplaren drucken und 
beabsichtigte, die breiten Ränder einiger Exemplare durch 
deutsche Maler verzieren zu lassen. Herangezogen wurde 
hierzu vor allem Dürer, dann aber auch eine Malergruppe, be— 
stehend aus Hans Baldung, Cranach und Altdorfer. Es waren 
die hervorragendsten Künstler, die in deutschen Landen zu finden 
waren, denn der jüngere Holbein, den man vermissen könnte, 
war damals erst achtzehn Jahre alt. Es waren zugleich, nimmt 
man den jungen Holbein hinzu, die Vertreter der drei großen 
Strömungen, die sich seit etwa 1500 in der deutschen Malerei 
entwickelt hatten. 
Der Naturalismus des 15. Jahrhunderts konnte, nachdem 
Lokalfarbe und Umriß bemeistert worden waren, eine doppelte 
Weiterbildung finden. Entweder man ging auf dem ein— 
geschlagenen Wege weiter und beschritt das Gebiet koloristischer 
Wirkungen, indem man Licht und Gesamtton natürlich zu be— 
wältigen suchte. Oder aber man stellte sich dem bisher natura— 
listisch Erreichten selbständig in freier menschlicher Aneignung 
und damit Verallgemeinerung gegenüber und entwickelte eine 
idealistische Kunst. Und dies wiederum konnte ebenfalls auf 
doppeltem Wege geschehen; man konnte sich dabei auf die Beihülfe 
der soeben entfalteten italienischen Kunst, der italienischen 
Hochrenaissance stützen, oder aber man konnte einen eigen— 
ständigen Versuch machen auf freier germanischer Grundlage. 
Dürer und Holbein haben eine germanische und italo⸗germanische 
Idealkunst entwickelt; Baldung, Cranach und vor ihnen bereits 
Grünewald sind auf die Eroberung des Koloristischen ausge— 
zogen. 
Aus dem Bestreben, konzentriertes Licht und allgemeine 
Farbenwirkungen in die bisherige Stufe des Naturalismus 
einzuführen, ergab sich für die Koloristen die Notwendigkeit, die 
Strenge des zeichnerischen Umrisses zu mäßigen, den Pinsel 
breit zu führen, neben den alten starken, oft ungebrochenen
	        
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