Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

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Dritter  Teil.  Industrie.

Nach  den  Napolconischcn  Kriegen  drang  die  übermächtige  englische  Konkurrenz
wieder  vor.  Zum  Teil  infolge  ihres  Drucks  konnte  die  Baumwollspinnerei  in  Sachsen,
wie  am  Rhein  und  in  Schlesien  anfangs  nur  geringe  Fortschritte  machen.  Von  den
dreißiger  Jahren  ab  jedoch,  als  mit  der  Gründung  des  Zollvereins  die  Zollschranken
fielen,  gewann  die  deutsche  Spinnerei  mehr  Luft  und  an  den  Fortschritten  des  Maschinenbaues ­
  einen  kräftigen  Rückhalt.  Überhaupt  erlangte  von  da  ab  die  gesamte  Spinnerei
und  Weberei  größere  Ausdehnung  und  Mannigfaltigkeit  durch  die  verschiedenen
Erfindungen,  so  namentlich  neuer  Bleich-,  Druckerei-  und  Färbereimethodcn,  ferner  der
Spul-,  Scher-  und  Schlichtmaschinen,  der  Wasch-  und  Spülmaschinen,  der  Zentrifugaltrockenmaschinen, ­
  sodann  der  verbesserten  Webstühle,  der  Strick-,  Näh-,  Stick-,  Tüllund
  Bobinnetmaschinen.
Zu  gleicher  Zeit  vollzog  sich  in  der  Arbeitsorganisation  sowie  auf  dem  Gebiete
des  Verkehrs  und  Konsums  eine  Amwälzung,  die  häufig  über  dem  kolossalen  technischen
Fortschritt  übersehen  wird,  die  aber  nicht  minder  bedeutungsvoll  war.  Zunächst  drängte
der  maschinelle  Großbetrieb  auf  die  Weiterbildung  der  Spezialisierung  hin;  der  Großbetrieb ­
  aber  und  die  Spezialisierung  konnten  sich  auch  in  England  erst  in  Anlehnung
an  den  sich  ausbreitenden  Eisenbahnverkehr,  d.  h.  von  Mitte  der  dreißiger  Jahre  an,
einbürgern.  Ihre  mächtigste  Förderung  erlangte  die  Massenindustrie  nicht  durch  die
Spinn-  und  die  Webmaschine,  sondern  durch  die  Lokomotive.
Die  Massenindustrie  selbst  hinwiederum  war  erst  auf  dem  Boden  eines  Massenkonsums ­
  möglich.  And  dieser  Konsum  bildete  sich  ebenfalls  erst  durch  den  Großverkehr
und  die  Großstadt  aus.
Zugleich  kam  die  Modcwarenfabrikation  und  die  Teilung  der  beiden  Saisonen
auf,  und  es  ging  allmählich  der  Tuchvertrieb  als  ein  Verleger-  und  Engrosgeschäft  an
Berufskaufleutc  über.  Damit  erhöhten  sich  auch  die  kaufmännischen  Anforderungen  an
den  Produzenten.  Einmal  erforderten  die  Kraftanlagen  und  die  Anschaffung  der
inodernen  Werkcinrichtungen  große  Kapitalien  und  damit  eine  gewisse  Finanzierungskunst,
und  zugleich  galt  es,  die  Konjunkturen  für  die  Anschaffung  der  Rohmaterialien  und
für  den  Absatz  tatkräftig  und  genau  zu  verwerten;  „der  beste  Kaufmann  war  von  nun
an  auch  der  beste  Fabrikant".
Auch  in  die  Vertriebsmethode  kam  ein  großer  Zug.  In  der  Übergangszeit  von
1870/90  konnte  ab  und  zu  der  Konsum  dem  stoßweisen  Vorandrängen  der  Industrie
nicht  mehr  folgen,  so  daß  die  schlimme  Zeit  der  zeitweisen  Überproduktion  und  Krise
nicht  erspart  blieb.  Infolge  dieser  Erfahrung,  wie  auch  behufs  Erzielung  eines  rascheren
Amsatzcs  übernahm  der  Fabrikant  zu  immer  größerem  Teil  auch  den  kaufmännischen
Vertrieb  seiner  Erzeugnisse;  wie  früher  der  Leineweber  selbst  im  hausicrweg  seine
Ware  an  den  Mann  brachte,  so  ließ  nunmehr  der  Fabrikant  die  Kundschaft,  die  Großund
  Detailfirmen  aufsuchen.  Dadurch  wurde  hinwiederum  den  Vcrmittelungs-  und
Grossistcngeschäften  der  Boden  unter  den  Füßen  weggezogen.
Das  Zusammentreffen  all  dieser  verschiedenen  Neuerungen  erbrachte  eine  außerordentliche ­
  Verbesserung  und  Verbilligung  unserer  Kleidung,  Wäsche  und  Hauseinrichtung;
speziell  die  Maschinen  steigerten  die  Leistungs-  und  Konkurrenzfähigkeit  in  bezug  auf
Güte  und  Menge  um  das  Zehn-  und  hundertfache.  Schon  auf  der  Pariser  Weltausstellung ­
  von  1876  wurde  konstatiert:  wenn  alles  in  England  erzeugte  Baumwollengespinst
  mittelst  Handarbeit  beschafft  werden  müßte,  so  wären  hierzu  90  Millionen
Menschen  erforderlich.
Die  Kehrseite  davon  lag  in  den  init  der  technischen  und  kommerziellen  Revolution
hervorgerufenen  Übergangsleiden,  welche  die  Handweberei  und  die  ihr  zugehörigen
Hunderttausende  von  Familien  in  50  jähriger  Krise  zu  bestehen  hatten.  Schon  nach
den  Freiheitskriegen  hatte  für  die  Leineweber,  die  sich  damals  noch  auf  die  Hausspinnerei
stützten,  der  harte  Konkurrenzkampf  gegen  die  englische  Konkurrenz  und  die  auch  im
            
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