Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

342  Vierter  Teil.  Weltwirtschaft  und  Handelspolitik.  I.  Weltwirtschaft.
nach  möglichst  billigen  Produktionskosten  und  nach  Massenproduktion,  ferner  unerläßlich
die  Minderung  des  Risikos  infolge  von  Krisen,  wie  sic  die  Verflechtung  in  den
unübersichtlichen  und  Kriegsstörungen  ausgesetzten  Weltmarkt  nunmehr  zur  Folge  hatte.
Diese  Bedingungen  waren  mit  der  Aufrechterhaltung  der  alten  gewerblichen
Ordnung  nicht  zu  vereinen.
Da  war  vor  allem  das  Bedürfnis  nach  billiger  Arbeit,  —  daher  nun  die
Massenbeschästigung  von  Lehrlingen  und  die  Beschäftigung  von  Frauen,  alles  Dinge,
welche  die  alte  gewerbliche  Ordnung  verboten  hatte.  Je  größer  ferner  die  im  Gewerbe
steckenden  Kapitalien,  desto  größer  das  Bedürfnis,  durch  Arbeitsentlassungcn  das  Risiko
auf  andere  Schultern  abzuwälzen,  —  daher  Wegfall  der  langen  Verdingungsterminc,
ja  sogar  Mißbräuche  der  schlimmsten  Art.
Die  Folge  ist:  die  alte  gewerbliche  Ordnung  wird  gesprengt,  und  zwar  durch
Angehörige  der  Zünfte  selbst,  durch  die  großen  Arbeitgeber,  welche  an  Orten,  an  denen
die  alte  Gewerbeordnung  nicht  gilt,  neue  Betriebe  ins  Leben  rufen.
Dies  der  Arsprung  der  Manufaktur  in  England,  am  Anfang  des  16.,  vielleicht
schon  am  Ausgang  des  15.  Jahrhunderts  und  ihrer  erstaunlich  raschen  Ausbreitung.
Dies  auch  der  Arsprung  der  Äausmanufaktur  in  den  vereinzelten  Fällen,  in  denen  sie
schon  im  16.  Jahrhundert  in  Deutschland  sich  findet.
Daher  ferner  bei  weiterer  Steigerung  der  Konkurrenz  das  fieberhafte  Streben
derjenigen,  welche  der  Industrie  nahestehen,  durch  Erfindungen  die  Produktionskosten
zu  mindern,  also  daher  der  Arsprung  aller  jener  Erfindungen  der  Largreaves,
Arkwright  und  Cartwright.
Die  Arsache  der  Amgestaltung  ist  also  eine  rein  wirtschaftliche.  Die  technische
Amgestaltung  und  die  Änderung  des  Gewerberechts  sind  erst  Folgen  der  früheren
wirtschaftlichen  Änderung  und  nicht  umgekehrt;  und  zwar  liegt  diese  wirtschaftliche
Arsache  auf  dem  Gebiete  der  Handelspolitik,  in  der  Entstehung  einer  Weltwirtschaft
und  dem  Eintritt  der  einzelnen  Industriezweige  in  den  Wettstreit  uni  den  Vorrang  auf
dem  Markt  dieser  Weltwirtschaft.  Wenn  einmal  die  Entstehungsgeschichte  des  Weltmarktes ­
  geschrieben  werden  wird,  wird  sie  darzulegen  haben,  wie  in  jedem  einzelnen
Jndusttiezweige  die  erörterten  Veränderungen  in  der  gewerblichen  Ordnung  eintraten
in  dem  Maße,  in  dem  er  in  den  Weltverkehr  verflochten  wurde.
Dieselbe  Änderung  in  den  Absatzverhältnissen  aber,  welche  in  England  die  Entstehung ­
  der  Manufaktur  hervorrief,  führte  in  Deutschland  in  der  Mehrzahl  von  Fällen
zur  wachsenden  Sperrung,  bis  zur  völligen  Schließung  der  Zünfte  und  zur  weiteren
Ausbildung  des  kapitalistischen  Charakters  des  Handwerks.  Der  Verlust  der  Handels-Privilegien
  im  Ausland  nahm  dem  deutschen  Gewerbe  einen  Teil  seines  Absatzes  nach
außen,  den  anderen  nahm  ihm  die  Veränderung  im  Gang  des  Welthandels  infolge
der  Entdeckung  Amerikas  und  des  ostindischen  Seewegs.  Dabei  fehlte  in  Deutschland
eine  nationale  Zentralgewalt,  welche  für  anderweitigen  Ersatz  zu  sorgen  im  stände  war,
und  statt  dieses  noch  der  Verfall  infolge  der  inneren  Kriege.  Da  suchten  die  beati
possidentes  der  zurückgehenden  Städte  durch  die  obenerwähnten  Zunftmaßregeln  sich
wenigstens  den  lokalen  Markt  zu  erhalten.  Also  da,  wo  die  Entwicklung  der  englischen
entgegengesetzt  war,  erklärt  sich  dies  aufs  einfachste  aus  den  entgegengesetzten  Absatzverhältnissen.

Wozu  aber  diese  Korrektur  weitverbreiteter  Anschauungen?  Etwa  aus  antiquarischer ­
  Rechthaberei?  Eine  solche  wäre  hier  übel  angebracht.  Vielmehr  ist  die
Verflechtung  der  Industrie  in  den  Weltmarkt,  die  wir  als  die  erste  Arsache  der  heutigen
sozialen  Rot  erkannt  haben,  nicht  nur  die  erste,  sondern  auch  die  letzte  Arsache  derselben. ­
  Richt  nur,  daß  mit  Notwendigkeit  mit  ihr  das  rastlose  Streben  nach  Minderung
der  Produkttonskosten  begann,  nicht  nur,  daß  damit  die  Absatzstockungen  anfingen  mit
ihrem  Gefolge  von  Kapitalzerstörung  und  Arbeitslosigkeit,  nicht  nur,  daß  mit  ihr  der
            
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