Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

360  Vierter  Teil.  Weltwirtschaft  und  Handelspolitik.  II.  Industriestaat.

Konkurrenz,  die  sich  daraus  zwischen  den  andern  Staaten  gegenseitig  ergibt,  führt  zu
weiteren  Schuhzollbarrieren,  die  wieder  für  die  Älbrigbleibenden  die  Sachlage  verschlimmern, ­
  und  so  geht  wie  ein  elektrischer  Schlag  die  plötzliche  Abschließung  und  die
allgemeine  Deroute  um  die  Welt  herum,  vergleichbar  etwa  der  auch  durch  internationale
Gegenstöße  erfolgten  plötzlichen  Silberentwertung  der  letzten  Jahrzehnte.  Wenn  wir
dann  eine  exportindustrielle  Bevölkerung  von  30—40  Millionen  Menschen  haben,  die
in  wenigen  Jahren  oder  Jahrzehnten  arbeitslos  wird,  —  dann  ist  es  zu  spät,  den  Bau
unserer  Volkswirtschaft  schnell  genug  umzubauen,  es  bedürfte  dafür  der  stetigen  Arbeit
von  Generationen,  und  nicht  früh  genug  kann  damit  begonnen  werden.
Wäre  ich  Geschäftsmann  und  an  die  Denkweise  dieser  großbürgerlichen  Kreise
gewöhnt,  und  man  fragte  mich  über  Exportpolitik,  so  würde  ich  ohne  Besinnen
antworten:  selbstverständlich,  frisch  zu,  nur  Mut!  Fragt  man  mich  aber  als  verantwortlichen ­
  Reichsbürger,  so  kann  ich  nur  warnen.
Zweifellos  wird  man  diesen  Standpunkt  kleinmütig  schelten:  man  müsse  Großes
wagen,  um  Großes  zu  erreichen.  Dem  alten  Brandenburg-Preußen  habe  cs  auch
niemand  zugetraut,  daß  es  Weltmacht  werden  würde;  ohne  etwas  Dreistigkeit  bleibe
man  Philister.  Wer  dürfe  eine  solche  kleinmütige  Sprache  in  England  führen?  —
Nun,  man  muß  auch  den  Mut  haben,  kleinmütig  zu  scheineil.  Gerade  der  englische
Nachbar  lvird  nicht  mehr  lange  in  der  Lage  sein,  in  großen  Worten  uns  als  Vorbild
zu  dienen,  lveil  er  eben  auf  der  abschüssigen  Bahn  viel  weiter  fortgeschritten  ist  als
wir.  And  ob  wir  noch  so  sehr  Deutschlands  Größe  und  Weltmacht  wollen  und
England  beneiden,  —  eins  ist  es,  was  wir  dem  Engländer  mit  Recht  oder  Anrecht
nachsagen,  ohne  cs  als  nachahmenswert  hinzustellen:  das  ist  nicht  seine  Größe,  sondern
seine  Breitspurigkeit,  in  rücksichtsloser  Zertretung  fremder  Rechte  in  allen  fünf
Weltteilen.  Die  Ablehnung  solcher  Breitspurigkeit  gälte  selbst  dann,  lvenn  wir  eine
forcierte  Gewaltpolitik  für  aussichtsvoll  hielten.  Mir  scheint  eine  Größe  nicht  erstrebenswert, ­
  deren  man  sich  zu  schämen  hat:  man  will  Deutschland  mächtiger  machen  und
verstrickt  es  immer  tiefer  in  fremde  Ketten.  Jeder  neue  Ausfuhrmarkt  ist  eine  Geisel,
die  wir  dem  Auslande  in  die  Lände  geben,  ein  Pfand,  an  dem  wir  gezwickt  werden
können.  Jede  Einfuhr  unentbehrlicher  Waren,  die  wir  selbst  nicht  produzieren,  ist  eine
Kette,  die  uns  an  den  guten  Willen  des  Auslands  fesselt.  Darum  als  Ziel:  Selbstständigkeit, ­
  —  das  ist  Macht,  ohne  Breitspurigkeit.
And  ich  darf  auch  negativ  noch  hinzufügen,  was  dies  Ziel  nicht  bedentet.  Es
bedeutet  selbstverständlich  nicht:  eine  plötzliche  Linrichtung  der  Exportindustrie;  es  bedeutet
noch  weniger  ein  einfaches  Schutzsystem  für  die  LerrUi  Agrarier;  es  bedeutet  nicht:
Ausschluß  der  belebenden  Konkurrenz;  es  bedeutet  nicht:  einen  geschlossenen  Landelsstaat,
  tote  ihn  Fichte  im  Jahre  1800  als  Karikatur  aufs  Papier  phantasiert  hat;  cs
bedeutet  nicht:  Lemmung  der  Bevölkerungszunahme:  es  bedeutet  endlich  nicht:  den
Verzicht  auf  Weltpolitik,  auf  starke  Flotte,  auf  Kolonien.  Aber  cs  bedeutet  allerdings,
daß  wir  unsre  wirtschaftliche  Zukunft  und  unsre  nationale  Existenz  nicht  auf  Flugsand
bauen  sollen,  sondenr  auf  festen  Grund  und  Boden,  über  den  wir  eigne  Verfügung
haben;  mit  anderen  Worten:  daß  wir  Lerrcn  im  eignen  Lause  bleiben.
            
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