Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

3.  Aber  die  Bedeutung  einer  Industrialisierung  der  heutigen  Rohstoffstaaten  rc.  363
sind  den  alten  Industriestaaten  bessere  Kunden  geworden,  als  jene  einst  als  Rohstoffstaaten ­
  waren.  Eine  gewaltige  Quote  des  Gesamthandels  in  industriellen  Produkten
bewegt  sich  zwischen  alten  und  neuen  Industriestaaten  und  zwischen  diesen  und  dem
„Agrikultur-Manufakturstaat"  Nordamerika,  den  zu  hindem,  daß  er  „auch  nur  einen
Nagel"  selbst  fabriziere,  zurzeit  der  Landclscifersucht  das  eifrigste  Bestreben  des  Mutterlandes ­
  gewesen  war.
Der  Fortschritt  der  gewerblichen  Expansion  der  Rohstoffstaaten  hat  bisher  für
keinen  Industriestaat  einen  dauernden  Rückgang  des  Fabrikatenexports  zur  Folge  gehabt,
—  wenn  der  französische  seit  Anfang  der  neunziger  Jahre  lahm  geht,  so  liegt  die
Schuld  nicht  am  Emporkommen  der  Fabrikation  in  anderen  Ländern,  sondern  am  System
Meline,  das  mit  seinen  Lochschutzzöllen  den  Import  minderte  und  zugleich,  wie
notwendig,  den  Expott.
Die  rückläufige  Bewegung  der  „Exportindustrie"  Westeuropas  ist  ausgeblieben;
cs  hat  sich  an  ihr  das  alte  Sprichwott  bewahrheitet,  daß,  wer  fälschlich  totgesagt  wird,
recht  lange  lebt.  Nur  eine  Verschiebung  innerhalb  der  Expottindusttie  ist  eingetreten;
heute  gelangen  vielfach  andere  Arten  von  Fabrikaten,  bezüglich  andere  Sotten  der
gleichen  Fabrikart  —  andere  „Nummern",  Qualitäten  —  zum  Expott  als  früher.
Gewisse  Expottindustrien  haben  dadurch,  daß  die  bisherigen  Kunden  die
Fabrikation  selbst  in  die  Land  nahmen  und  den  Weltmarkt  betraten,  Einbußen  erlitten;
so  z.  B.  die  englische  Drahtstiftindustrie  durch  die  Entwickelung  der  deutschen,  die
englische  Maschinenindustrie  —  besonders  die  Industrie  landwirtschaftlicher  Maschinen
durch  die  Entwickelung  der  nordamerikanischen,  die  englische  Garnindustrie  in  gewissen
„Nummern"  durch  die  Entwickelung  der  deutschen,  schweizerischen  usw.  Dafür  haben
andere  einen  Zuwachs  erfahren,  und  sind  zahlreiche  neue  erblüht.  Für  die  alten  Industriestaaten ­
  hat  die  Industrialisierung  gewisser  Rohstoffstaaten  keinen  Bruch  des  Vettehrs,
kein  Aufhören  der  Arbeitsteilung  mit  diesen  nach  sich  gezogen.  Der  Vettehr  ist
gesüegen,  die  Arbeitsteilung  hat  sich  nur  gewandelt,  hat  sich  vervollkommnet  durch  immer
cxattere  Anpassung  der  Expottindusttie  an  die  den  Ländern  spezifischen,  verschiedenen
Produktionsbedingungen,  an  ihre  nationalwirtschaftliche  Individualität.
Deutschland,  Belgien,  die  Schweiz  sind  Industriestaaten  geworden,  wie  Frankreich
und  England;  Nordamerika  schickt  sich  an,  einer  zu  werden.  Aber  sic  betreiben  andere
Exporündustrien  wie  Frankreich  und  England.  Nicht  vernichtende  Konkurrenzierung,
sondern  heilsame  Differenzierung  der  Naüoncn,  nicht  dauernder  Rückgang,  sondern
ständiger  Aufstieg  des  Außenhandels  ist  die  Folge  des  Amsichgreifens  der  Industrialisierung ­
  gewesen.
Die  Industrialisierung  Deutschlands  usw.  hat  für  die  Naüoncn,  die  schon  in  der
ersten  Lälfte  des  vorigen  Jahrhunderts  Industriestaaten  waren,  d.  h.  Frankeich  und
England,  ein  Einschrumpfen  der  Ausfuhr  nicht  zur  Folge  gehabt.
Warum  sollte  denn  das  Ergebnis  ein  anderes  sein,  warum  sollte  eine  rückläufige
Bewegung  in  der  „Exportindustrie"  der  Industtiestaaten  von  heute  sich  einstellen,  wenn
künfüg  Länder  wie  Italien,  Spanien,  Portugal,  die  Balkanstaaten,  Rußland,  —
Kanada,  Mexiko,  Brasilien,  Chile,  Argenünien,  —  Ostindien,  Japan,  China,  —
Australien  in  größerem  Süle  als  heute  zu  fabrizieren  begännen?
Wenn  weitgehende  Arbeitsteilung,  wenn  ausgedehnter  Verkehr  in  Fabrikaten
zwischen  Ländern  wie  England,  Deutschland,  Frankeich,  Belgien,  Schweiz  stattfindet,
zwischen  Ländern,  die  alle  in  der  gemäßigten  Zone  liegen,  alle  auf  ungefähr  gleicher
Stufe  sozialer  und  wirtschaftlicher  Kultur  stehen,  —  die  Wahrscheinlichkeit,  daß  Arbeitsteilung ­
  und  Verkehr  nicht  nur  aufrecht  bleiben,  sondern  noch  emporgehcn,  ist  doch  eine
weit,  weit  höhere,  wenn  es  sich  um  jene  Industtiestaaten  von  heute  einerseits,  die  Rohstoffstaaten ­
  von  heute  andrerseits  handelt?  Denn  zwischen  jener  und  dieser  Gruppe  ist
            
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