Full text: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

4. Der Plan einer mitteleuropäischen Zollunion. 
373 
wie denjenigen für Waren aus anderen Ländern doch noch erheblich größer. Es wäre 
ja am besten, es ließe sich beides erreichen; aber solange sich ein Land, das für unsre 
Waren ein wichtiger Abnehmer ist, nicht zu vertragsmäßiger Bindung seiner Zölle 
herbeiläßt, ist die Meistbegünstigung immer noch besser als die Vettragslosigkeit und 
die Differenzierung der Zölle zu unserem Schaden. 
Wenn wir uns nun zu den Tarifverträgen wenden, so finden wir, daß auch 
diese in sehr verschiedenem Grade die zollpolitische Autonomie binden können. Sic 
können sich darauf beschränken, für wenige bestimmte Warengattungen die Zölle fest 
zulegen; sie können die Zusicherung enthalten, daß überhaupt gegenüber dem bestehenden 
Tarif keine Zollerhöhungen während der Vertragsdauer vorgenommen werden sollen; 
sie können schließlich eine Reihe von Zollermäßigungen gegenüber dem allgemeinen 
Tarif festsetzen. 
In der Regel ist das letztere der Fall. Reben den allgemeinen Zolltarif, der 
für Länder gilt, mit denen keine Handelsverträge bestehen, neben den sog. General 
tarif tritt dann ein Vertragstarif oder Konventionaltarif, an dessen Ermäßigung 
gegenüber dem Generaltarif die Länder mit Meistbegünstigung partizipieren. Der 
einheitliche Generaltarif bildet die Basis der Verhandlungen, und die Regierungen 
haben es, vorbehaltlich der Genehmigung durch die gesetzgebenden Körperschaften, in 
der Land, Ermäßigungen der Zollsätze des Generaltarifs zuzugestehen. 
4. Der Plan einer mitteleuropäischen Zollunion. 
Von Georg Gothein. 
Gothein, Der Deutsche Außenhandel. Materialien und Betrachtungen. Berlin, Siemenroth 
& Troschel, tM. 5. HZ—H7. 
Die Befürchtung, daß die großen Wirtschaftsgebiete, welche Großbritannien mit 
seinen Kolonien, Amerika sowie Rußland bilden, sich gegen die anderen Staaten mehr 
und mehr abschließen könnten, hat vielfach den Gedanken angeregt, die Staaten Mittel 
europas sollten sich ebenfalls zu einem einheitlichen Wirtschaftsgebiet mit gemeinsamer 
Zollgrenze zusainmentun; damit würden die industriellen Distrikte gesicherte Absatzgebiete 
für ihre Industrieerzeugnisse, die überwiegend landwirtschaftlichen Teile ebenso für ihren 
Überschuß an Produtten des Ackerbaues und der Viehzucht finden und vermöchten so 
gesichert jeder Zukunft entgegengehen als ein sich selbst genügendes Wirtschaftsgebiet. 
Daß selbst die Vereinigten Staaten von Amerika, selbst Rußland, also beides 
Staaten, die von den Eiswüsten des Nordpols bis in die Tropen hineinreichen, sich 
selbst nicht alle Rohprodukte, deren sie bedürfen, beschaffen können, ist nicht zu bestreiten. 
Die Vereinigten Staaten sind auf die Einfuhr von Kaffee und Tee, von Wolle, Läuten, 
und Jute, von Gewürzen und Kakao, von Zinn, Salpeter und Gerbstoffen, kurz von 
sehr vielen wichtigen Rohstoffen angewiesen, und wenn es auch allenfalls möglich wäre, 
einige derselben mit der Zeit in genügender Menge und Qualität selbst zu erzeugen, 
so ist das bei anderen gänzlich ausgeschlossen. Die Wünsche nach einem Panamerika 
finden aber gerade in Mittel- und Südamerika sehr wenig Sympathien; die dorügen 
Staaten sind mit ihren Produkten — Brasilien mit Kaffee, Argentinien mit Wolle, 
Läuten, Fleischextrakt, Quebrachoholz, Chile mit Chilisalpeter, Leder und Kupfer, 
Venezuela mit Kakao usw. — auf den Absatz nach allen Ländern angewiesen; sie 
haben das lebhafteste Interesse, sich ihre anderen Abnehmer kaufttäsüg zu erhalten und
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.