Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

3.  Die  politischen  Wirkungen  des  Zollvereins.

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auch  späterhin,  als  das  unreife  Nationalgefühl  deutscher  Publizisten  wiederholt  für
einen  Landelsbund  mit  der  Schweiz  oder  mit  Lolland  sich  erwärmte,  wahrte  Preußen
unbeirrt  den  nationalen  Charakter  des  Zollvereins.  Also  entstanden  zwei  Gemeinwesen
im  Deutschen  Bunde:  ein  Deutschland  des  Scheins,  das  in  Frankfurt,  ein  Deutschland
der  ehrlichen  Arbeit,  das  in  Berlin  seinen  Mittelpunkt  fand.  Der  Preußische  Staat
erfüllte,  indem  er  Deutschlands  Landelspolitik  leitete,  einen  Teil  der  Pflichten,  welche
dem  Deutschen  Bunde  oblagen,  wie  er  zugleich  allein  durch  sein  Leer  die  Grenzen  des
Vaterlandes  sicherte.  —  So  ist  er  durch  redlichen  Fleiß  langsam  emporgewachsen  zur
führenden  Macht  des  Vaterlandes;  und  nur  weil  die  europäische  Welt  es  nicht  der
Mühe  wert  hielt,  das  Leerwesen  und  die  Landelspolitik  Preußens  ernstlich  kennen  zu
lernen,  bemerkte  sie  nicht  das  stille  Erstarken  der  Mitte  des  Festlandes.
Die  wirtschaftliche  und  die  politische  Einigung  Deutschlands  zeigen  eine  überraschende ­
  Verwandtschaft  in  ihrer  Geschichte.  Beide  Bewegungen  gleichen  einem  großen
dialektischen  Prozesse:  erst  nachdem  durch  wiederholte  vergebliche  Versuche  die  Unmöglichkeit ­
  jeder  andern  Form  der  Einheit  zweifellos  erwiesen  war,  errang  die  preußische
Legemonie  den  Sieg.  Ein  reiches  Erbe  monarchischer  und  im  guten  Sinne  föderalistischer
Überlieferungen  ist  aus  den  Erfahrungen  des  Zollvereins  übergegangen  auf  den  Norddeutschen ­
  Bund  und  das  Deutsche  Reich.  Mit  Recht  wird  der  geniale  Wurf  der
Norddeutschen  Bundesverfassung  gepriesen,  wie  sie  allen  staatsrechtlichen  Theorien
widersprach  und  doch  so  lebenskräftig,  so  verwickelt  und  doch  so  einfach  war.  Der
glückliche  Griff  erscheint  nur  um  so  glücklicher,  wenn  wir  erkennen,  daß  jenes  Grundgesetz ­
  nicht  schlechthin  eine  Neuerung  gewesen  ist,  sondern  an  altbewährte  Traditionen
sich  anlehnte.  In  dem  Zollvereine  hatte  Preußen  gelernt,  einen  vielköpfigen,  fast  formlosen ­
  Bund,  der  sich  in  keine  Kategorie  des  Staatsrechtes  einfügen  wollte,  monarchisch
zu  leiten,  mehr  durch  Einsicht  und  Wohlwollen  und  durch  das  natürliche  Übergewicht
der  Macht  als  durch  förmliches  Vorrecht;  und  es  war  auch  nur  ein  Anknüpfen  an
alte  Überlieferungen,  daß  die  neue  Bundesverfassung  außer  dem  Leerwcsen  zunächst
bloß  die  materiellen  Interessen  der  Nation  ins  Auge  faßte,  den  reicheren  Ausbau  des
deutschen  Staates  der  Zukunft  iibcrlassend.  ünd  fragt  man,  wie  es  doch  kam,  daß
in  diesem  zanklustigen  Deutschland  der  Norddeutsche  Bundesrat  so  viel  Tatkraft,  so
viel  Einmut  bewähren  konnte?  —  so  läßt  sich  der  Segen  der  langen  Lehrzeit  des
Zollvereins  nicht  verkennen.  Zwei  grundverschiedene  Schulen  deutscher  Staatsmänner
waren  aufgewachsen  seit  den  dreißiger  Jahren.  Auf  der  einen  Seite  die  Polittker  des
Bundestags.  Wer  hat  sie  nicht  gekannt,  diese  bejammernswerten  Geschöpfe,  denen  die
Erbsünde  der  Diplomatie,  die  Verwechslung  von  Geschäft  und  Klatscherei,  zur  anderen
Natur  geworden?  —  Diese  durch  die  kondensierte  Milch  der  „Augsburger  Allgemeinen"
und  der  „Frankfurter  Ober-Postamts-Zeitung"  mühsam  am  Leben  erhaltenen  politischen
Kinder,  die  mit  so  feierlichem  Ernst  von  den  Formen  und  Formeln  des  hohen  Bundesrechts ­
  zu  reden  wußten?  ünd  daneben  die  Geschäftsmänner  des  Zollvereins,  nüchterne
praktische  Leute,  gewohnt,  ernsthafte  Interessenfragen  umsichtig  zu  erwägen,  die  Wünsche
und  Bedürfnisse  der  Nachbarn  mit  Gerechtigkeit  und  Milde  zu  beachten.  Auf  der
hohen  Schule  der  Zollkonferenzen  und  der  mannigfachen  Beratungen  über  die  Fragen
des  Verkehrs  lernten  Preußens  Staatsmänner  die  Methode  neuer  deutscher  Polittk:
die  Kunst,  reizbare  kleine  Bundesgenossen  ohne  Gehässigkeit  und  Gewalttat  zu  leiten,
unter  bündischen  Formen  das  Wesen  der  Monarchie  zu  wahren.
Der  Gedanke  des  Zollvereins  war  nicht  eines  Mannes  Eigentum,  er  entstand
gleichzeiüg  in  vielen  Köpfen  unter  dem  Drucke  der  Not  des  Vaterlandes;  daß  der
Gedanke  Fleisch  und  Blut  gewann,  war  allein  Preußens  Werk,  war  das  Verdienst
von  Eichhorn,  Motz  und  Maaßen  und  nicht  zuletzt  das  Verdienst  des  Königs.  Nicht
die  Anstandspflicht  monarchischer  Staatssitten,  sondern  die  Pflicht  historischer  Gerechtigkeit ­
  nötigt  zu  den,  Llrteil,  daß  Friedrich  Wilhelm  der  rechte  Mann  war  für  dies
Mo  Hat,  Volkswirtschaftliches  Lesebuch.  25
            
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