390 Vierter Teil. Weltwirtschaft und Handelspolitik. IV. Deutsche .Handelspolitik.
preußischen Beamtentums. Die entschiedene Wendung zum Freihandel war politisch
eine Existenzfrage, wirtschaftlich höchstens eine Zweckmäßigkeitsfrage.
Mit der Erstarkung und Ausschließung großer und neuer Getreidekammern im
Osten und in Amerika traten gewaltige Veränderungen in den Weltmarktsbezügen ein,
und in einer relativ kleinen Spanne Zeit wurde Deutschland aus einem Getreide
exportierenden Lande ein importierendes. Der industrielle Protektionismus hatte zudem
in der Handelspolitik Frankreichs, Rußlands und der Vereinigten Staaten nicht auf
gehört, eine gewichtige Rolle zu spielen, und deren größere Widerstandsfähigkeit
gegenüber der herannahenden Wirtschaftskrisis führten Bismarck und viele mit ihm
jetzt auf das dort festgehaltene handelspolitische System zurück. Nur sehr langsam und
nach heftigen Zusammenstößen wurden auch unsere agrarischen Freihändler Nord-
deutschlands für die Idee des nationalen Zollschutzes gewonnen.
Der Anstoß zur Amkehr ging jedoch nicht von den landwirtschaftlichen Interessenten
kreisen, sondern von der deutschen Fabrikantcnwelt aus. Große Gruppen derselben
hatten bei dem stürmischen Laufe der Freihandelspolitik zuerst skeptisch, später unter
lebhaftem Protest beiseite gestanden. Der letzte Akt der Freihandelsära, die Auf
hebung der Eisenzölle, hatte sie in nachhaltige Erregung versetzt und sic zu einer
geschlossenen Opposition geeint. Die deutschen Fabrikanten waren im allgemeinen
einverstanden mit den Errungenschaften der liberalen Reichspolitik, nur die Zollpolitik
machten sie nicht mit. Als dann der Fünfmilliardensegen verpufft war und die durch
ihn herbeigeführte Hausse einer schweren industriellen Wirtschaftskrisis Platz gemacht
hatte, fing man mehr und mehr an, den Freihandel, dein man früher den wirt
schaftlichen Aufschwung zugeschrieben hatte, jetzt für den kommerziellen Niedergang
verantwortlich zu machen. Diese Auffassung verschaffte sich auch im Reichskanzleramt,
>vo inzwischen Bismarck, durch Enqueten und umfangreiche Studien überzeugt, den
Übergang zum Schutzzoll vorbereitet hatte, Eingang. Für den Kanzler war aber noch
ein weiteres Moment von großer Bedeutung. Das neu geeinte Reich brauchte neue
und ergiebigere Einnahmequellen. Wollte man es finanziell konsolidieren und auf eigene
Füße stellen, so war die Rückkehr zum Zollschutz das Nächstliegende Mittel. Vielleicht
ist dieser Gesichtspunkt von größerem Gewicht gewesen, als man gewöhnlich glaubt.
Fürst Bismarck ist jedenfalls von ihm ganz und gar durchdrungen gewesen, wollte er
ja doch ganzen Gruppen von Tarifsätzen in den nun folgenden erregten wirtschafts
politischen Debatten nur den Charakter von Finanzzöllen — ob mit Recht, lasse ich
dahingestellt — beigelegt wissen.
Als gleichzeitig eine bunte Reihe von Finanzprojekten, die das Reich unabhängig
von den Matrikularbeiträgen, gegen die Bismarck stets eine Abneigung gehabt hatte,
stellen sollten, im Reichstage gescheitert waren, hinderte den Kanzler nichts mehr, eine
vollkommene Frontveränderung den Parteien gegenüber vorzunehmen. Der schon lange
vorbereitete Bruch mit dem Liberalismus, auf den sich die Regierung in allen nationalen
Fragen bisher gestützt hatte, wurde Tatsache. Bismark hatte damals den großen Plan,
an Stelle der politischen Parteien, von denen ihm keine so recht sympathisch war, eine
moderne ständische Gruppierung treten zu lassen. Die unbequemen Ministerien, die
mancherlei elastische Widerstände zeigten, sollten durch einen „Volkswirtschaftsrat" im
Zaum gehalten werden. Den heterogenen Elementen der großen Parteifraktionen wurde
ein neues wirtschaftspolitifches Programm, das in der Forderung und im Versprechen
des Schutzes der nationalen Arbeit gipfelte und Landwirtschaft und Industrie gleichmäßig
zugute kommen sollte, unterbreitet. Dieser Keil, den der Reichskanzler in die
Fraktionen trieb, brachte eine vollkommene Amwälzung zu stände. Es gelang, eine
Allianz der Wirtschaftsreformer, die jetzt die Großindustriellen und den Groß
grundbesitz zur gemeinsamen Tätigkeit berief, und von der die schutzzöllnerischen Tarif-
reformen von 1879, 1881, 1885 und 1887 getragen wurden, zu stände zu bringen.