402 Vierter Teil. Weltwirtschaft und Handelspolitik. IV. Deutsche .Handelspolitik.
industrie — abgesehen von einzelnen Branchen —- jeder Konkurrenz die Spitze zu
bieten vermochte. Die Einfuhr hielt sich trotz der liberalen Zollreformen in engen
Grenzen, während die Ausfuhr sich ungemein ausdehnte und die deutsche Eisenindustrie
immer fester in das große Getriebe des Welthandels eingriff. Nur ein wesentlicher
Mangel derselben stellte sich heraus: ihre Erze eigneten sich nicht zu der in lebhafter
Ausdehnung begriffenen Flußeisen- und Stahlbereitung. Es mußten große Mengen
ausländischer Erze bezogen werden, aber auch die Einfuhr von englischem Bessemer-
Roheisen nahm bedenklich zu, während andererseits der Verbrauch von Puddelroheisen
eingeschränkt wurde und die Gießereien nach wie vor sich hauptsächlich mit fremdem
Material versorgten. Die Lage der Lochöfen, denen man im Jahre 1873 den Zoll
schutz genommen hatte, wurde daher eine recht bedrängte. Dazu kam der Ausbruch
der Krisis, unter welcher die deutsche Eisenindustrie um so mehr zu leiden hatte, als sie
sich weit über den Bedarf des Inlandes hinaus ausgedehnt hatte. Lind mitten in
dieser Notlage beging man den Fehler, den letzten Schutz gegen die Mitbewerbung
des Auslandes fallen zu lassen. Trotzdem gelang es nun zwar der ausländischen
Industrie nicht, ihre Einfuhr nach Deutschland dauernd zu steigern, noch auch kam es
zu einer Einschränkung der inländischen Gesamtproduktion, aber es kostete doch einen
schweren Kampf, die fremde Konkurrenz zu bestehen, das Verlangen nach Schutzzöllen
wurde immer dringender, und so erfolgte denn im Jahre 1879 ihre Wiedereinführung.
Sie konnte in erster Linie für die Lochofenindustrie nach der damaligen Sachlage für
erforderlich gehalten werden, und es erscheint auch künftighin für gewisse Fabrikate ein
mäßiger Schutzzoll als wünschenswert.
Aber abgesehen hiervon, hat die Erfindung, welche mit einer gewissen historische,»
Notwendigkeit um diese Zeit gemacht werden mußte, die der Entphosphorung des Roh
eisens, die letzte wesentliche Llrsachc der Unselbständigkeit des deutschen Eisengewerbes
beseitigt; es steht jetzt jedem Konkurrenten in der Lauptsache ebenbürtig gegenüber,
die Zeit seines Mannesalters scheint gekommen zu sein.
Aus der Beobachtung heraus, daß die Staaten des Festlandes überhaupt
ungefähr den gleichen Grad industrieller Entwicklung erreicht haben, ist wohl wesentlich
die neuerdings mehrfach angeregte Idee eines Zollvereins der Kontinentalstaaten gegen
über dem in einzelnen Industrien noch besonders mächtigen Großbritannien und den
rasch emporstrebenden Vereinigten Staaten von Amerika hervorgegangen. Sicher würde
jedes einzelne Land von der Verwirklichung dieses Gedankens die gleichen Vorteile für
seine Entwicklung ziehen wie dereinst die deutschen Staaten von ihrer Zollvereinigung,
seiner Ausführung jedoch stehen nur schwer zu überwindende Lindernisse wohl dauernd
entgegen?)
Daß hingegen eine größere handelspolitische Annäherung der Völker Europas
sicher eintreten muß, dafür bürgt das Gesetz ihrer materiellen und geistigen Entwicklung,
wie es der bisherige Lauf der Geschichte erkennen läßt, und die Tatsache, daß jede
Wahrheit in der Wissenschaft wie im öffentlichen Leben sich noch zu allen Zeiten Bahn
gebrochen hat.
*) s. den Aufsatz von Georg Gothein „Oer Plan einer mitteleuropäischen Zollunion"
s. 375—576. — G. 11t.