Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

68  Zweiter  Teil.  Lande!.  III.  Zur  Geschichte  von  Lande!  und  Industrie.
auch  durch  die  Kreuzzüge  viele  Vorteile  erhalten.  In  Konstantinopel  hatten  durch  die
Begründung  des  lateinischen  Kaisertunis  (1204)  die  Venetianer  die  Oberhand  gewonnen,
die  Wiederaufrichtung  des  griechischen  Kaiserthrones  (1261)  setzte  aber  die  Genuesen
an  deren  Stelle,  welche  sich  um  die  griechische  Dynastie  hervorragende  Verdienste  erworben ­
  hatten.  Von  da  an  datiert  die  Blütezeit  Genuas,  welches  nun  auch  den  Landet
im  Schwarzen  Meere  an  sich  riß.  Der  genuesische  Seehandel  vermittelte  zum  größten
Teil  den  Verkehr  der  europäischen  Länder  mit  der  Levante.  Die  Parteikämpfe  im
Innern,  namentlich  aber  der  unglückliche  Krieg  mit  der  mächtigen  Rivalin  Venedig
(1378—1381),  verdrängten  Genua  aus  der  Vorherrschaft,  doch  blieb  die  Stadt  auch
späterhin  noch  ein  wichtiger  Punkt  des  europäischen  Welthandels.
Venedig  hatte  bereits  im  7.  Jahrhundert  durch  Wahl  eines  eigenen  Führers
(Dogen)  einen  erfolgreichen  Anlauf  zur  Selbständigkeit  und  Anabhängigkeit  genommen.
Durch  die  Bekäinpfung  der  sarazenischen  Seeräuber  hatte  cs  im  Adriatischen  und  Mittelländischen ­
  Meere  die  für  den  Lande!  notwendige  Rechtssicherheit  hergestellt  und  dadurch
großes  Ansehen  gewonnen.  Die  Kreuzzüge  erweiterten  den  Einfluß  auch  dieser  Landelsrepublik,
  insbesondere  hat  die  Eroberung  Konstantinopels  durch  die  Kreuzfahrer  (1204)
den  Venetianern  wertvolle  Privilegien  in  dem  neubegründeten  lateinischen  Kaisertum
gebracht.  Eine  Vorstadt  Konstantinopels,  Pera,  wurde  ihnen  ausschließlich  zugewiesen,
der  Verkehr  im  Schwarzeir  Meere  tvar  fast  vollständig  in  ihren  Länden.  Der  Sturz
des  lateinischen  Kaisertums  beraubte  sie  zwar  dieser  Vorrechte  zugunsten  der  Genuesen,
sie  suchten  sich  aber  durch  die  Anknüpfung  neuer  Landelsverbindungen  dafür  zu  entschädigen. ­
  Sie  setzten  sich  in  Alexandrien  fest,  das  damals  der  wichtigste  Stapelplatz
für  den  Warenhandel  nach  Indien  war,  und  wußten  sich  durch  günstige  Verträge  den
Zugang  zu  den  syrischen  und  ägyptischen  Lafenplähen  zu  verschaffen.  Auch  zu  Lande
stand  später  Venedig  in  lebhaftem  Landelsverkehr  mit  Deutschland,  Polen  und  den
Niederlanden.  Die  deutschen  Kaufleute  besaßen  in  Venedig  ein  eigenes  Kaufhaus
(Fondaco  dei  Tedeschi).  In  der  Blütezeit  im  14.  Jahrhundert  verfügte  die  Republik
über  eine  Landelsflotte  von  3000  Kauffahrteischiffen.  Der  rege  Zwischenhandel  hatte
auch  der  gewerblichen  Tätigkeit  mannigfache  Anregung  gegeben;  durch  die  Venetianer
wurde  die  Seidenweberei,  Tuchfabrikation,  Baumwollindustrie,  Waffenindustrie,  Glasund
  Spiegelfabrikation,  Kerzenfabrikation  und  Goldschmiedekunst  nach  Italien  verpflanzt.
Die  venetianische  Republik  inaugurierte  auch  zum  erstenmal  eine  planmäßige  staatliche
Landelspolitik,  aus  der  die  späteren  merkantilistischen  Schriftsteller  vielfach  ihre  Beispiele
nahmen.  Sie  erleichterte  die  Einfuhr  von  Rohstoffen  und  die  Ausfuhr  von  Fabrikaten,
schützte  aber  die  heimischen  Kaufleute  in  jeder  Weise  gegen  die  fremde  Konkurrenz.
Eine  Flotte  sorgte  für  die  Rechtssicherheit  im  Seeverkehr,  ein  eigenes  Seerecht  (consulado
  del  mare)  kodifizierte  die  für  den  Seeverkehr  wichtigsten  Bestimmungen.  An
den  wichtigsten  Landelsplätzen  wurden  Konsulate  ins  Leben  gerufen,  welche  die  Interessen ­
  des  heimatlichen  Landels  zu  schützen  hatten.  Zur  Erleichterung  des  Geldverkehres
wurden  Banken  errichtet.  Den  stärksten  Stoß  erhielt  die  Landelssuprematie  Venedigs
durch  die  Auffindung  des  Seeweges  um  Afrika  nach  Indien.  Zwar  unternahm  Venedig
alle  Anstrengungen,  um  durch  günstige  Verträge  und  besondere  Maßnahmen  die  alten
Verbindungen  aufrecht  zu  erhalten,  aber  vergeblich,  weil  sich  der  Lande!  im  Mittelmeere
bald  auf  die  Küstenländer  einschränken  mußte.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.