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Kapitel II. Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule. Stuart MUL 397 
Nassau Senior führte in die Nationalökonomie ein Element ein, 
von dem bis dahin noch nicht die Rede gewesen war, die „Ab 
stinenz“ — das Sparen, wenn man so will, aber das Wort Senioe’s 
ist energischer und genauer. Weshalb brachte er dieses neue Wort 
auf? Die Abstinenz kann keinen Reichtum schaffen? Allerdings 
nicht, sagt Sexiok, aber sie schafft wenigstens einen Anspruch auf 
Entlohnung, denn sie schließt ein Opfer ein, eine Mühewaltung, ge 
rade wie die Arbeit. Bis dahin war das Einkommen aus Kapital 
von den drei großen Einkommenskategorien das am wenigsten ge 
rechtfertigte, denn Ricaedo hatte es nur indirekt erklärt, indem er es 
als eine Art Rest darstellte, der übrig bleibt, wenn man den Lohn 
abzieht (s. o. S. 181). Man hielt es für selbstverständlich, daß das 
Kapital, genau wie die beiden anderen Produktionsfaktoren, ein Recht 
auf Entlohnung habe. Weshalb das? Mit welchem Rechte kann es 
eine besondere Entlohnung verlangen, da es doch kein selbstän 
diger Faktor, sondern nur ein simples Produkt des Bodens und der 
Arbeit ist? Senior nun gibt ihm seine Berechtigung zurück: 
er findet sie nicht in der Arbeit, sondern in der Abstinenz. 
Wenn aber Senior mit der eineiTHänd den Kapitalzins auf eine 
festere Grundlage stellt, so zerstört er mit der anderen die Be 
rechtigung der meisten kapitalistischen Einkommen. Fahren wir in 
der Untersuchung fort! Die'Produktionskosten bestehen also aus 
zwei Bestandteilen, der" Arbeit'und der 'Abstinenz,'und der Wert 
der Produkte wird überall dort, wo die Konkurrenz freies Spiel hat, 
auf dieses Niveau gebracht. Wenn aber die Konkurrenz nicht völlig 
frei ist oder mit anderen Worten: wenn es mehr oder weniger Monopole 
gibt, so besteht zwischen dem Wert und den Produktionskosten ein Unter 
schied, der für den, der davon profitiert, ein Einkommen darstellt, 
das an sich von der Arbeit und der Abstinenz unabhängig ist, un 
abhängig ebenfalls von jedem persönlichen Opfer oder jeder persön 
lichen Anstrengung. Dieses Einkommen nennt nun Senior die 
Rente. Man sieht, wie sehr er die Theorie Ricardo’s erweitert. 
Die Rente ist nicht nur einfach das Ergebnis der Besitzergreifung 
eines fruchtbareren oder besser gelegenen Bodens; sie kann auf der 
Aneignung irgendeiner Naturkraft oder aut natürlichen persönlichen 
Eigenschaften, wie die Stimme einer Sängerin oder die Geschicklich 
keit eines Chirurgen x ), — oder auch auf sozialen Ursachen oder, wie 
wir heute sagen würden, auf glücklichen Zufällen beruhen. Es 
wurde Senior auch nicht schwer, nachzuweisen, daß die Fälle, die 
Anlaß zu einer Rente geben durchaus nicht außergewöhnlich sind, 
r ) „In dem Produkt eines jeden Landes gibt es einen beträchtlichen Teil, der 
kein Opfer irgendwelcher Art entlohnt: er wird von denen bezogen, die nie Hand 
ans Werk gelegt haben, sondern nur die Hand ausznstrecken brauchen, um ihn ein-
	        
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