Full text: Die Reichseisenbahnen

10 
Verständigungen und Auseinandersetzungen haben schon vor dem Zu 
sammenbruch mitunter Jahre erfordert und nicht immer zur Stärkung 
der bundesfreundlichen Gesinnung beigetragen. Wie wird das künftig 
werden, wenn jetzt schon mancher Einzelstaat in der Betonung seiner 
Eigenart und Selbständigkeit dem Auslande gegenüber sich nicht genug 
tun kann? Alles das empfindet das deutsche Volk, wenn auch ohne 
Kenntnis der Sachlage im einzelnen, durchaus richtig. Die erste Forde 
rung also für einen Wiederaufbau unseres Verkehrswesens muß die 
Vereinigung aller Staatseisenbahnen in der Hand 
des Reiches fein. 
Der Gedanke, daß die Eisenbahnen dem.Reiche 
gebühren, ist so alt wie das Reich selb st. Schon 
wenige Jahre nach der Reichsgründung unternahm es B i s m a r ck , ihn 
in die Tat umzusetzen. 
In seinem Votum als Präsident des Staatsministeriums vom 
8. Januar 1876*), einem wichtigen Dokument der Bismarckschen Eisen 
bahnpolitik, heißt es: 
„Seit der Errichtung des Reichs bilden die Eisenbahnen — von 
Lokallinien abgesehen — Reichs-, nicht Partikular st ratzen. 
Derselbe Gedanke, welcher die frühere Zersplitterung der Post in 
zahlreiche Territorial- und Thurn und Taxissche Posten als mit den 
Ansprüchen des Verkehrs unvereinbar erscheinen ließ, findet aus 
stärkeren Gründen seine Anwendung auf den viel größeren Anteil 
des nationalen Binnenverkehrs, welcher den Eisenbahnen zufällt." 
und weiter: 
„Die Reichsverfassung will somit, der nationalen Idee wie den 
Bedürfnissen des Verkehrs und der Landesverteidigung entsprechend, 
ein einheitlich geordnetes Eisenbahnsystem, die Erhebung 
der Eisenbahn zu einer wahrhaft nationalen 
Verkehrsanstal t." 
Dieser große Gedanke, dem Reiche eines der wichtigsten wirtschaft 
lichen und politischen Machtmittel in die Hand zu geben, scheiterte be 
kanntlich. Politische Schwierigkeiten waren es im wesentlichen, die damals 
und dann auch in der Folge der Vereinigung aller deutschen Eisen 
bahnen entgegenstanden. 
Zunächst war es der m i t t e l st a a t l i ch e P a r t i k u l a r i s - 
mus, der auch von Bismarck nicht zu überwinden war**). Rücksichten 
*) Poschinger, Aktenstücke I S. 204 ff. A. v. d. Leyen, Die Eisenbahnpolitik 
des Fürsten Bismarck, S. 191 ff. 
**) Einer der eifrigsten Gegner Bismarck's in diesem Punkte, war der 
württembergische Minister von Mittnach, also gerade ein Vertreter des Landes, 
daß in neuerer Zeit sich dem Reichsbahngedanken am geneigtesten gezeigt hat.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.