Full text : Die englische Agrarenquete von 1913

Erstes  Kapitel.  Der  Landarbeiter  und  sein  Lohn.

11

Welchen  Einfluß  unzureichende  Löhne  auf  die  Wohnungsfrage
haben,  wird  weiter  unten  erörtert  werden.

1900  wanderten  Männer  vom  Lande  ins  Ausland

1907
1908
1912

9  000
26000
15  000
23000

Letztere  Zahl  bedeutet  ein  Fünfzigstel  der  männlichen  Landbewohnerschaft. ­

Diese  Auswanderung  absorbiert  nur  den  kleinen  Teil,  der  Hauptverlust ­
  erfolgt  durch  den  Zug  nach  der  Stadt,  der  nur  indirekt  daraus
zu  ermessen  ist,  daß  zwischen  1881  und  1901  die  Gesamtbevölkerung
von  England  um  25%  zunahm,  die  Landbevölkerung  dagegen  um
27  °/o  abnahm.  Wenn  man  dazu  noch  in  Betracht  zieht,  daß  die  Zahl
der  selbständigen  Landwirte  in  diesen  zwanzig  Jahren  sich  gleich  geblieben
ist,  so  fällt  aller  Verlust  auf  den  unselbständigen  Landmann.  Das
Resümee  einer  Untersuchung  einer  königlichen  Kommission  über  die
Armengesetze  aus  dem  Jahre  1906  ist  folgendes:
Es  sind  die  tatkräftigsten  Landarbeiter,  die  in  die  Städte  wandern.
Zurück  bleiben  die  schlecht  ernährten,  minderwertigen.  Deshalb  machen
die  Einwandernden  vor  allen:  Konkurrenz  in  den  höhere  Anforderungen
stellenden,  besser  bezahlenden  städtischen  Berufen,  und  ist  es  umgekehrt
schwer  für  die  ländlichen  Arbeitgeber,  den  auf  dem  Lande  zurückbleibenden
Minderwertigen  höhere  Löhne  zu  bewilligen.
Die  niedrigen  Löhne  sind  nicht  die  einzige  Ursache  des  Fortzuges
vom  Lande,  sondern  es  sprechen  mit  die  Propaganda  der  Auswanderungsagenten, ­
  die  Monotonie  des  Dorflebens,  vor  allem  aber  die
schlechten  Aussichten  auf  sozialen  Aufstieg,  worüber  später
noch  zu  sprechen  sein  roirb 1 ).
Wie  man  nun  auch  das  Problem  betrachtet,  sei  es  vom  wirtschaftlichen,
sei  es  von:  menschlichen  Standpunkt,  immer  kommt  man  zu  dem  Resultat,
daß  höhere  Löhne  unabweislich  sind.  Große  Summen  sind  in  den  letzten
Dezennien  in  zweckmäßige  Ställe  investiert,  und  die  hochgezüchteten  Tiere
werden  darin  reichlich  ernährt;  für  die  Arbeiterwohnungen  ist  gleichzeitig
fast  nichts  geschehen,  und  ein  großer  Teil  der  Männer,  noch  mehr  aber
der  Frauen  und  Kinder  ist  unterernährt  und  unzulänglich  gekleidet.

9  Auch  der  Referent  wird  diesen  Punkt  in  seinem  Nachwort  besonders
würdigen.
            
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