Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 119
Zweifel sein, daß unter Hinblick auf den kräftig fortschreitenden
Verkehr noch der ersten Dezennien dieses Jahrhunderts bei
sich gleichbleibender Entwicklung das Aufblühen der Manufaktur
für alle haltbaren und leicht transportabeln Massenartikel und
auch für alle Luxusartikel bei bequemer Verfrachtung zu erwarten
var. Es wäre ein Vorgang gewesen, der zugleich zu einer
außerordentlichen Revolution im zünftigen Gewerbe und im
Verfolg dieser Revolution zu ganz neuen Betriebsformen und
sozialen Bildungen für die nicht manufakturfähige Industrie
geführt haben würde.
Aber diese Entwicklung trat nicht ein, wenn auch die Manu⸗
faktur hie und da noch die Zünfte verdrängte: so vergingen
z. B. in Nürnberg die Blechschmiede noch in der ersten Hälfte
des 16. Jahrhunderts. Die Manufsaktur hielt sich vielmehr
—DVD vielen zusammen und
machte an den meisten mindestens keinerlei Fortschritte. Und
das alte Zunftwesen wurde infolgedessen nicht zerstört, sondern
ah sich reichliche Zeit gegeben, um pöllig zu verknöchern.
Woher nun diese unerwartete Wendung?
Man darf da zunächst nicht verkennen, daß die im
—
anschauung von mittelalterlicher Auffassung her noch ganz
folgerichtig den hausindustriellen, den Manufaktur⸗ und den
Fabrikunternehmer — und eben die Form des Unternehmens
war das eigentlich Neue an der Entwicklung — verabscheute:
Verkauf aus zweiter oder weiterer Hand war ihr „böser Ver—
kauf“; der Satz „Pfennig ist Pfennigs Bruder“ galt ihr als
ein Greuel; und die Reformation Kaiser Friedrichs III. aus
den ersten zwanziger Jahren des 16. Jahrhunderts verlangte
noch für alle die Handwerker, „die gemeine und gemengte
— E
eine besondere Ordnung, in der ihr Verhältnis zu diesen Ver⸗
legern geregelt werden sollte, mit der Motivierung: „wann
in diesen kleinen pfenwerten mag viel eignes nutz gesucht
werden“. Ja von diesen Anschauungen hat sich gewiß noch
sehr viel tief ins 16. Jahrhundert hinein und darüber hinaus