Full text: Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft im Kriege

Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft. 
131 
Türen, als sie die Ersparnisse, die sie kurz vor Ausbruch des Krieges 
ihren Banken anvertraut hatten, abzuheben wünschten. Im Monat Ok 
tober liegt die Mehrzahl der Fälligkeitstermine für die Kouponszahlungen. 
Viele französische und ausländische Unternehmen stützen sich auf 
die erlassenen Moratorien und zahlen ihre Zinsen nicht. Auch die fran 
zösischen Banken machten zum Teil vom Moratorium der Dividenden- 
und Zinszahlungen Gebrauch, ja die Zurückhaltung ihrer Dividenden 
war durch Dekret vom 13. September 1914 geboten. Es bestimmte 
nämlich: „Diejenigen Gesellschaften, die Dividenden entrichten, ver 
zichten damit eo ipso auf die ihnen im Moratorium bewilligten Erleichte 
rungen“. 
So war es verständlich, daß der Credit Lyonnais, das älteste und 
angesehenste Bankinstitut, erklärte, und zwar im Monat August, auf 
Anordnung der französischen Regierung seine Restdividende von 12,5 
Mül. Eres, für das Jahr 1913 nicht zahlen zu können. Hierin wurde 
von vielen Seiten das erste, untrügliche Zeichen des vollkommenen Zu 
sammenbruchs des französischen Depositenbanksystems gesehen. Der 
Triumph war verfrüht, denn die von der Bank eingenommene Haltung 
war gesetzlich durchaus geboten. Auch wenn hier keine Verordnung 
über die Nichtzahlung der Dividenden Vorlage, wären die Kreditbanken 
gegenüber ihren Depositen-Gläubigern geradezu verpflichtet gewesen, 
ihre Dividenden zurückzuhalten. Halten die Banken den Depositen- 
Gläubigern ihre Einlagen vor, dann dürfen sie naturgemäß um so weniger 
ihre Gewinne den Aktionären auszahlen. Dies würde eine ungerecht 
fertigte Bevorzugung der Aktionäre vor den Deponenten sein. 
Zahlten die Banken auch ihre eigenen Dividenden nicht, so hatten 
sie aber, gemäß ihres Charakters als Bank, der Kundschaft ihre 
Dienste für die Kouponseinlösungen der Staatsanleihen, Aktien 
usw. zur Verfügung zu stellen. Zwar hielten nur eine kleine Anzahl 
der ausländischen Staaten, so die Spanier, Italiener, Schweizer, 
Holländer, sowie der französische Staat und die großen Eisenbahnen ihren 
Zinsendienst aufrecht, aber die Kreditbanken trafen keinerlei Vorbe 
reitungen für die Einlösung der von den fremden Ländern und zum Teil 
heimischen Gesellschaften bercitgestellten Zinsen. Diese Vernach 
lässigung eines für den französischen Rentner so wichtigen Dienstes 
verstieß im schärfsten Maße gegen das öffentliche Interesse und löste 
bald heftige Anklagen aus. Erst unter dem Drucke der öffentlichen 
Kritik nahmen die Banken den Koupons-Einlösungsdienst wieder auf, 
hielten jedoch dafür die Auszahlung zurück. Die Pariser Kaufleute 
gaben ihren Bankverbindungen Koupons, die von den Banken bei den 
Anleiheschuldnern auch eingelöst wurden. Dagegen bewirkten sie die 
Auszahlung des Gegenwertes an ihre Kunden nicht, sondern suchten 
die Zahlung hinauszuschieben. Diese unrechtmäßige Vorenthaltung der 
Auszahlung erregte natürlich in den Geschäftskreisen wiederum große 
Erbitterung. So fiel es schwer, den an sich schon durch das Versagen 
der Banken gespannten Verkehr wieder in eine regelrechte, sichere und 
9*
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.