Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.
37
hatte aber im Interesse der Wirtschaftenden den Verpflichteten im
voraus Nachricht zukommen lassen, daß sie die Besitzerin der jeweilig
in Frage kommenden Tratte sei und diese zur Einlösung bei ihr bereit
liege. Es ist dies eine große Arbeit, tausende von Wechseln zu son
dieren, Nachrichten abzugeben u. v. a. m., die aber Schuldnern wie auch
Gläubigern große Erleichterungen schafft und von reichlichem Erfolge
gekrönt wird.
Innerhalb zweier Kriegsjahre wurden bei der Notenbank amortisiert:
Bestand am i. Oktober 1914 .... 4476,00 Mill. Frcs.
Bestand am 3. August 1916 .... 1438,00 „ „
Amortisationssumme 3038,00 Mill. Frcs.
Über die nähere Zusammensetzung des Moratorium-Wechselbestan
des sind keine Anhaltspunkte vorhanden. Es wäre aber für eine restlose
kritische Würdigung dieser immerhin erstaunlichen Leistungsfähigkeit
der Schuldner, über die Qualität des gesamten Wechselmaterials usw.,
notwendig und interessant zu kennen, welchen Anteil am Gesamtbeträge
und dann an der Amortisationssurame die Banken und Privaten — hier
wiederum spezialisiert nach der Höhe der Wechselsummen — haben.
Kombinationen können die positiven Zahlen nicht ersetzen. Und so
überrascht es auch Wenig, daß alle Voraussagungen in den Zeitungen
und auch der Fachpresse 1 ), nach denen die Liquidation dieses Wechsel
portefeuilles wenigstens ein halbes Dutzend Jahre beanspruchen sollte
und einen Verlust von 6—8 % erzeugen dürfte, nicht eintreten werden.
Der erste Teil der Behauptung ist durch die Tatsache der steten Ab
nahme widerlegt und damit der zweite in Frage gestellt. Zudem hat
die französische Regierung durch die Zusicherung eines Amortisations
fonds — 2 % vom Zinsendienst des Staates für die Vorschüsse der Noten
bank dienen als Deckung möglicher Verluste aus dem Wechselbestande —
für den zweiten Teil eine Ausfallgarantie übernommen. Es ist nach
allem somit kaum anzunehmen, daß die Notenbank erhebliche Verluste
erleiden Wird.
Die Notenbank hat in den letzten Jahren vor Kriegsausbruch eine
sorgfältige und methodische Goldansammlung verfolgt, um eine
immer breitere Basis für die Emission außergewöhnlicher Notenmengen
zu gewinnen. Auch sie beachtete, wie eine jede Zentralnotenbank der euro
päischen Staaten, die finanziellen Maßnahmen der anderen Notenbanken
und alle Zeichen von möglichen politischen Verwicklungen, die zum Kriege
führen könnten. Sie ging von der Erwägung aus, daß sie sich gegen
alle Möglichkeiten und Erschütterungen am besten dadurch schützt,
wenn sie ihre Goldreserven erheblich stärkt. Seit Beginn des Jahres
1 ) Vgl. z. B. unter der neuesten Kritik u. a. auch H. Koppe, a. a. O. S. 740:
Koppe vergleicht die Moratoriumswechsel mit einer Ware, „die das Liegen nicht ver
trägt“ und fährt weiter wörtlich fort: „Wie die Vermögenslage der Schuldner dieser „effets
prorogfe“ nach Friedensschluß sein wird, ist höchst fraglich. Die Bank wird jedenfalls
starke Verluste an diesen Papieren haben, und ihre Lage ist daher, soweit sie mit solchem
Wechselmaterial belastet ist, unerquicklich.“