Object: Theoretische Sozialökonomie

200 Kap. VI. Der Kapitalzins. 
Angebot so weit zu stimulieren, daß die Nachfrage durch das Angebot 
gedeckt werden kann. Die Aufgabe der Zinstheorie wird damit auf eine 
Untersuchung der Art, in welcher Nachfrage bzw. Angebot von Kapital- 
disposition mit dem Zinsfuß variiert, zurückgeführt. Diese Unter- 
suchung ist in den beiden letzten Paragraphen durchgeführt worden. 
Es hat sich gezeigt, daß das Angebot von Kapitaldisposition innerhalb 
der gewöhnlichen Grenzen der Variationen des Zinstußes nur wenig 
vom Zinsfuß beeinflußt wird, relativ fest ist. Die Hauptaufgabe des 
Zinsfußes liegt unter solchen Verhältnissen in der notwendigen Begren- 
zung der Nachfrage nach Kapitaldisposition, also in erster Linie in der 
Begrenzung der Nachfrage nach den Diensten der dauerhaften Güter, 
zweitens aber auch in der Begrenzung der Tendenz, Dienste dauerhafter 
Güter oder, allgemeiner, Kapitaldisposition für andere Produktionsmittel 
zu substituieren. Die erste Art der Begrenzung richtet sich direkt gegen 
die Konsumtion, während sich die zweite auf die Wahl der Produktions- 
methode bezieht. Die Nachfrage nach Kapitaldisposition ist nun, wie 
aus ‘unseren Untersuchungen hervorgegangen ist, so stark, daß Sie 
nur durch einen Zinsfuß in der gewöhnlichen Höhe hinreichend be- 
schränkt werden kann. Jedes Nachlassen dieses Druckes wird eine große 
neue Nachfrage frei machen, die mit der zur Verfügung stehenden 
Menge von Kapitaldisposition nicht befriedigt werden kann, auch nicht 
wenn die Herabsetzung des Zinsfußes keine Verminderung dieser Menge 
veranlassen würde. Hierin liegt unter gewöhnlichen Verhältnissen die 
wesentliche Ursache, warum der Zinsfuß nicht niedriger sein kann, als 
er tatsächlich ist. 
Da man das Zinsproblem oft, vielleicht meistens, als ein ethisches 
statt als ein wirtschaftliches Problem behandelt hat, ist die Frage, 
warum die Kapitalisten bezahlt werden sollen, in den Vordergrund ge- 
stellt worden. Es ist gegen die Kapitalisten die Anklage erhoben worden, 
daß sie durch ihre Ansprüche auf Verzinsung ihres Kapitals die Ge- 
sellschaft plündern, oder man hat wenigstens an die Kapitalisten die 
Forderung gestellt, sie sollten sich mit einem niedrigeren Zinsfuß be- 
gnügen. Diese ganze Betrachtungsweise verliert ihre Grundlage, sobald 
man das Zinsproblem als ein rein wirtschaftliches Problem behandelt, 
Es zeigt sich dann, daß die eigentlichen Kapitalisten sehr wenig Ein- 
fluß auf die tatsächliche Gestaltung des Zinsfußes ausüben. Innerhalb 
der Grenzen der gewöhnlichen Variationen des Zinsfußes stellen wohl 
die Kapitalisten im ganzen wesentlich ebensoviel Kapital zur Verfügung 
bei einem niedrigeren wie bei einem höheren Zinsfuß, Das Angebot von 
Kapitaldisposition von dieser Seite verhält sich also ziemlich passiv 
gegenüber den Veränderungen des Zinsfußes. Die Kapitalisten bilden 
wohl die einzige wirtschaftliche Gruppe der modernen Gesellschaft, 
die keine Organisation zur Verteidigung ihres gemeinsamen Interesses 
hat. Sie beziehen einen Zins in der tatsächlichen Höhe, nicht weil sie 
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