Full text : Hundert Jahre J.P. Bachem, Buchdruckerei, Verlagsbuchhandlung, Zeitungsverlag

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Angeregt  durch  eine  Dame,  welcher  der  alte  westfälische  Bildhauer
Wilh.  Achtermann  in  Rom  einen  Teil  seiner  Lebenserinnerungen  diktiert
hatte,  entstand  in  den  Jahren  1885  bis  1889  die  Novelle  „Der  SpinnlehrervonCarrar
  a“,  die  ein  Vorkommnis  aus  dem  Leben  des  genannten
Künstlers  zum  Gegenstände  hat.  Ein  westfälischer  Bauernsohn,  war  er
erst  mit  30  Jahren  auf  die  Berliner  Akademie  zur  Ausbildung  gekommen,
dann  im  Aufträge  des  Frankfurters  H.  von  Bethmann  Hollweg  nach
Carrara  gegangen,  hatte  dort  noch  mit  der  Spindel  arbeitende  Mädchen
gesehen  und  dann  das  Spinnrad  in  deren  Heimat  eingeführt.  Dies
mit  einer  Liebesgeschichte  umschlungen,  bildet  den  Vorwurf  der
Künstlernovelle.  Gleichzeitig  schrieb  sie  die  Märchennovelle  „Vom
alten  Stamm“  und  die  Novelle  „Verschiedene  Wege“,  die
zuerst  im  „Deutschen  Hausschatz“  zum  Abdruck  kam  und  seit  1905
unter  dem  Titel  „Wem  gebührt  die  Palme?“  zusammen  mit
„Talisman“  den  Band  29  von  Bachems  Volks-  und  Jugend-Erzählungen
bildet.
In  Holstein,  wo  das  Freifräulein  sich  von  1884  fünf  Jahre  der  Erziehung
der  Kinder  ihres  verwitweten  Bruders  zu  Plön  widmete,  begann  sie  den
großen  sozialen  Roman  „Im  Streit  der  Zeit“,  dessen  Beendigung  erst
in  das  Jahr  1895  fällt.  Mehrmals  umgearbeitet,  ist  er  nach  ihrer  eigenen
Ansicht  ihr  bestes  Werk.  In  den  Geschicken  dreier  adeliger  und  einer
kleinbürgerlichen  Familie  spiegeln  sieh  in  diesem  politischen  Roman
die  großen  Ereignisse  der  Jahre  1866  und  1870  ab,  wozu  noch  die  folgende
Zeit  des  Kulturkampfes  tritt.  Der  soziale  Gehalt  kennzeichnet  sich  in  der
Schilderung  des  Aufstiegs  der  gebildeten,  aber  unbemittelten  Kreise.  Das
Werk,  in  das  die  Verfasserin  viel  Selbsterlebtes  hinein  verwoben  hat,
ist  auch  von  kulturgeschichtlichem  Wert.
Es  war  ihr  letztes  vollendetes  Buch.  Als  sie  am  4.  Januar  1905  in
Paderborn  starb,  hinterließ  sie  unfertig  einen  ferneren  großen  sozialen
Roman  „Die  Enterbten“,  dem  die  neueren  sozialistischen  Bestrebungen
zu  Grunde  liegen,  und  die  Vorarbeiten  zu  ihrer  Lebensbeschreibung  „M  e  i  n
Lebe  n“.
Der  schriftstellerische  Hauptvorzug  der  Freiin  von  Brackei  besteht  in
der  geschickten  Komposition  und  dem  Phantasiereichtum  der  Verfasserin;
ihre  Werke  zogen  schon  stofflich  an  und  fesselten  immer.  Das  war  auch
bei  ihren  kleineren  Erzeugnissen  der  Fall,  wie  „Eine  Nähmamsell“
(aus  dem  Jahre  1900)  und  der  Novelle  „Chic“  (1901),  sowie  auch  in  den  Erzählungen ­
  „Frühlingsrausch  und  Herbststürme“  und  „Nur
eine  kleineErzählun  g“,  die  im  Todesjahre  der  Verfasserin  in  einem
Bande  bei  Habbel  in  Regensburg  erschienen,  endlich  bei  dem  Novellenbande ­
  „Letzte  Ernte“,  der  außer  „Nähmamsell“  und  „Chic“  die
Novellen  „Herzensinstinkt“,  „Der  Lenz  und  ich  und  du“  und
„Ein  Märchen,  das  eigentlich  keins  ist“  in  sich  vereinigt-(Bachem,
  1909.)
            
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