Full text: Ferdinand Lassalle

6 Großmann, Laffalle 
16t 
gewähren und morgen mir den Trümmern ihres Schiff 
bruches alles bedecken, auö dem Wege. 
Nicht ohne tiefe Melancholie glaube ich Ihre Antwort 
vorauszusehen! Ja, Sie glauben, daß Sie es können. 
Eine so edle Natur wie die Ihre hat den Glauben an 
sich selbst. Aber deshalb hat sie noch nicht die nötigen 
Kräfte, um in langer Prüfungszeit diesen Glauben zu 
betätigen! „Viele sind berufen, wenige sind auserwählt," 
so sagt die Heilige Schrift. Welche frische, kühne und 
edle Natur, vor einem Berge stehend, fühlt nicht Kraft 
genug in sich, den Gipfel zu erreichen, um von dort 
aus sich an dem prachtvollen Schauspiel einer unbe 
grenzten Aussicht hoch über dem Niveau der Dinge zu 
erfteuen! Alle Hindernisse werden besiegt und der 
Gipfel erreicht! Nur Feiglinge bleiben zurück! 
Aber nun beginnt das Steigen, viele und viele Stunden; 
man klimmt immer weiter empor; die Kräfte erlahmen 
mehr und mehr, die Brust zieht sich zusammen, der 
Atem stockt. Und immer neue Felsen versperren den 
Weg; neue Abgründe, neue scharfe Steine, an denen 
Ihr Fuß strauchelt! 
Ach, Sophie, ich will nicht von den schwachwerdenden 
Naturen sprechen, welche umkehren; aber wie viele 
kühne und edle Naturen bleiben liegen, zerschlagen 
und tot durch die Mühsal des Weges! Den Gipfel 
erreichen nur die, welche sozusagen physische Geistes 
kraft haben. 
Übrigens wenn Sie mir sagen, daß Sie Vertrauen 
zu Ihren Kräften haben, so werde ich es auch haben, 
und glauben Sie mir, es wird eine kräftige Hand sein, 
die Sie auf diesem Wege unterstützen wird!
	        
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