116
flaumiges, rundes Nest aus dem weißen Flaum einer be
stimmten Pflanze, und unmittelbar unter dem Eingang der
Höhlung, in der das kleine Weibchen auf den Eiern sitzt,
ist ein kleiner Sims oder Körbchen, wo das zierliche
Männchen seinen Platz hat, um sein Weibchen zu behü
ten und zu bewachen. Einige Vogelarten gibt es, bei denen
die Äußerungen des Geschlechtslebens ihre harmonischeste
und poetischeste Form auf Erden erreicht zu haben schei
nen. Bei den polygam lebenden Hühnerarten andererseits,
wo der Hahn viel größer und kampflustiger ist als die
Henne, gewinnt dieser das Weibchen nicht durch Gesang,
sondern faßt es mit Gewalt und zeigt wenig oder gar kein
Interesse an seinen Jungen, beteiligt sich weder am Brüten
noch am Füttern, ja packt manchmal sogar einen locken
den Bissen, den das Junge oder die Henne entdeckt hat.
Unter den Säugetieren ist das Männchen gewöhnlich et
was größer als das Weibchen, obwohl nicht immer (die
weiblichen Walfische beispielsweise sind größer als die
männlichen); die Männchen pflegen auch kampflustiger
und weniger sorgfältig gegen die Jungen zu sein, doch ist
auch diese Regel nicht ohne Ausnahmen. Bei den süd
afrikanischen Meerkatzen z. B. ist das Weibchen viel streit
barer und schwerer zu zähmen als das Männchen, und es
ist das Männchen, das vom Augenblick der Geburt an mit
der leidenschaftlichsten und zartesten Sorgfalt über das
Junge wacht, es unter seinem Körper warm hält, es in sei
nem Maul an einen sicheren Ort trägt und es füttert, bis
es ganz erwachsen ist. Und das nicht nur gegenüber seinen
eigenen Jungen, sondern gegenüber jedem Jungen, das in
seine Nähe gebracht wird. Wir hatten eine männliche Meer
katze, die so ausdauernd ganz fremde Junge fütterte und
ihnen jeden Bissen von ihrem eigenen Futter gab, daß wir
sie beim Füttern allein in einen Raum sperren mußten,
sonst hätte sie sich zu Tode gehungert. Während die
männliche Meerkatze also genau jene psychischen Eigen-