Full text : Leben und Lehre des Buddha

12  II.  Das  nordöstliche  Indien  zur  Zeit  des  Buddha.
Spitze,  mit  großen,  prächtigen  Städten,  in  denen  Handel  und  Gewerbe ­
  blühte,  und  mit  zahlreichen  Dörfern,  die  reich  waren  an
Weideland  und  Vieh.  Zwar  erhoben  wohl  die  Priester  den  Anspruch, ­
  als  die  ersten  im  Staate  angesehen  zu  werden.  In  Wirklichkeit ­
  war  aber  der  Adel,  die  Krieger,  die  herrschende  Klasse.
Eine  schroffe  Abgrenzung  der  Kasten  und  Berufe,  wie  sie  später
gefordert  wird,  war  damals  nicht  vorhanden,  wie  zahlreiche  Beispiele ­
  von  Personen  zeigen,  die  einen  Berufswechsel  vornahmen.
Kaufleute  betrieben  zu  Wasser  und  zu  Lande  einen  ausgedehnten
Handel,  der  weit  über  die  Grenzen  Indiens  hinausreichte.
Schon  in  der  ältesten  Zeit,  von  der  wir  aus  Indien  Kunde
haben,  der  vedischen,  stand  das  Hetärentum  in  Blüte.  Zu  Buddhas
Zeit  spielten  die  Hetären  keine  geringere  Rolle  als  in  Griechenland ­
  zur  Zeit  des  Perikles.  Zu  den  Zierden  und  Vorzügen  einer
großen  Stadt  gehörte  eine  „Stadtschöne",  d.  h.  eine  Hetäre.  Sie
war  durchaus  nicht  verachtet,  sondern  verkehrte  in  den  höchsten
Kreisen  der  Stadt.  Srimati,  die  Schwester  des  Jivaka,  des
Leibarztes  des  Königs  Ajätasatru,  war  eine  Hetäre,  und  unter
den  buddhistischen  Nonnen  befinden  sich  mehrere,  die  früher  Hetären
waren.  Buddha  trug  kein  Bedenken,  eine  Mahlzeit  bei  Ämrapäli,
  gewöhnlich  mit  ihrem  Palinamen  Ambapäli  genannt,
der  Stadtschönen  von  Vasall  anzunehmen,  der  die  jungen  adligen
Licchavis  diese  Ehre  vergeblich  um  100  000  Goldstücke  abzukaufen
versuchten.  Buddha  nahm  von  Ambapäli  einen  Mangohain  als
Geschenk  an  und  erfreute  sie  dafür  mit  religiösen  Gesprächen.
Später  wurde  sie  Nonne,  und  die  ihr  in  den  Thengäthäs  („Lieder
der  Ältesten")  zugeschriebenen  Verse  gehören  zu  den  schönsten  dieser
Sammlung.
Auch  ältere  und  jüngere  brahmanische  Texte  beweisen,  daß  die
Lebensbedingungen  in  Indien  damals  durchaus  günstig  waren.
Wenn  man  aber  auch  sein  Leben  in  vollen  Zügen  genoß,  so  scheint
doch  die  uralte  Frage,  was  aus  dem  Menschen  nach  dem  Tode
wird,  auch  weitere  Kreise  des  Volkes  beschäftigt  zu  haben.  Der
Inder  der  vedischen  Zeit  glaubte  an  ein  Leben  nach  dem  Tode,
eine  Unsterblichkeit  der  Seele.  Im  höchsten  Himmel  genoß  der
Tote  ein  glückliches,  sorgenloses  Leben,  frei  von  den  Gebrechen
des  Leibes,  unverkrüppelt,  gerade  an  Gliedern,  in  ewigem  Lichte.
Trotz  allem  aber  hielt  es  der  Inder  doch  für  besser,  auf  der  Erde
zu  bleiben.  Ein  alter  Text  sagt:  „Es  ist  nicht  gut,  von  dieser
Welt  wegzugehen;  denn  wer  weiß,  ob  man  in  jener  Welt  existiert
            
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