Full text : Leben und Lehre des Buddha

14  II-  Das  nordöstliche  Indien  zur  Zeit  des  Buddha.
zu  können-  Der  Begriff  des  sächlichen  Brahm  an  gewann  allmählich
das  Übergewicht  über  den  männlichen  Atman.  Das  Brah  man
wurde  gedacht  als  eine  in  ewiger  Ruhe  verharrende  Substanz,
von  der  alles  ausgeht,  die  in  allem  ist,  und  zu  der  alles  zurückkehrt. ­
  Nach  dieser  Lehre  ist  die  Welt  nur  eine  Umwandlung  des
unpersönlichen,  höchsten  Wesens,  ein  Truggebilde,  das  nur  scheinbar ­
  neben  dem  Brahman  existiert,  in  Wirklichkeit  aber  mit  ihm
eins,  als  Welt  überhaupt  nicht  vorhanden  ist.  Wenn  der  Mensch
dies  erkannte,  dann  kam  er  zur  Ruhe  von  dem  ewigen  Kreislauf ­
  der  Geburten;  er  ging  auf  in  dem  ewig  ruhigen  Brahman;
er  wurde  befreit  von  der  Seelenwanderung.  Die  Ausbildung
dieser  Lehre  zu  einem  geschlossenen  System,  wie  es  uns  in  den
Lrallraasätras  des  Bädaräyana  vorliegt,  ist  wahrscheinlich  erst
in  späterer  Zeit  erfolgt;  die  Grundgedanken  aber  treten  uns
mehr  oder  weniger  bestimmt  schon  in  dem  Hpanisaäs  entgegen.
Gegen  diese  Lehre  traten  andere  Lehrer  auf,  als  der  bedeutendste
Kapila,  der  Begründer  der  Laipüllya-Philosophie,  die  dem
Buddhismus  seine  Grundlage  geliefert  hat.  Wir  wissen  aus
buddhistischen  Texten,  daß  gleichzeitig  mit  Buddha  noch  sechs
Lehrer  im  Lande  herumzogen,  die  teilweise  großen  Zulauf  hatten.
Davon  ist  einer  besonders  bekannt  geworden,  Nigantha  Näyaputta,
  mit  seinem  Kirchennamen  Nallavira,  „der  große  Held"
oder  Jina,  „der  Sieger"  genannt,  der  Stifter  der  Sekte  der
Jainas,  die  bis  auf  den  heutigen  Tag  zahlreiche  und  angesehene
Anhänger  hat,  namentlich  unter  den  Kaufleuten  im  Westen  und
Süden  von  Indien.  Die  Lehre  des  Jina  hat  außerordentlich
viele  Berührungspunkte  mit  der  des  Buddha,  so  daß  man  lange
die  Jainas  für  eine  Sekte  der  Bauddhas  gehalten  hat.  Der  Jina
war  der  gefährlichste  Konkurrent  Buddhas.  Nach  Angabe  der
Jainas  gab  es  damals  nicht  weniger  als  363  verschiedene  philosophische ­
  Systeme,  nach  der  der  Bauddhas  62,  die  in  zwei  Klassen
geteilt  wurden.  Die  einen  lehrten,  daß  es  eine  Willensfreiheit,
eine  Verantwortlichkeit  und  eine  Seelenwanderung  oder  Wiederverkörperung ­
  gebe,  die  anderen  leugneten  dies.  Der  Jina  und
Buddha  gehörten  beide  zu  der  ersten  Klasse.  Sie  glaubten  also
an  die  Seelenwanderung,  und  ihr  ein  Ende  zu  machen,  ist  die
letzte  Aufgabe  ihrer  Lehre.  Wie  weit  Buddha  dabei  von  seinen
Vorgängern  abhängig  ist,  werden  wir  bei  der  Darstellung  seiner
Lehre  zu  prüfen  haben.  Zunächst  wollen  wir  kennen  lernen,  was
uns  von  seinem  Leben  bekannt  ist.
            
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