IV. Buddhas Stellung M Staat und Kirche.
Seit wir die alten Quellen kennen, erscheint Buddha in einem
ganz anderen Lichte als früher. Ich habe schon erwähnt, daß
Buddha nicht der einzige Meister war, der als Erlöser auftrat,
sondern daß uns die buddhistischen Texte neben ihm sechs berühmte
Lehrer nennen, die alle von der alten brahmanischen Religion
abwichen und Gründer eigener Sekten waren. Mögen auch die
Berichte der Buddhisten über die großen Erfolge Buddhas weit
übertrieben sein, so steht doch unzweifelhaft fest, daß er alle seine
Rivalen in den Schatten stellte. Man hat lange seinen Erfolg
vor allem darin finden wollen, daß er sehr energisch gegen die
hochmütigen Brahmanen auftrat, daß er den seit alter Zeit im
indischen Staate bestehenden Unterschied der vier Kasten, der Bräh-
manas oder Priest er, der Ksatriy asober des Adels, der Vs, i 8 ya 8
oder der Handel, Gewerbe und Ackerbau treibenden Bevölkerung,
und ber Südras, der rechtlosen Sklaven aller, verwarf und die
Gleichheit aller Menschen predigte. Das war aber sehr irrig.
Buddha ist kein sozialer Reformator gewesen. Allerdings verwirft
er die Kasteneinteilung, aber nur so weit, als die Kaste ein Hindernis
sein sollte, sein Jünger zu werden. Die Kasten als Staatsinstitution
ließ er ganz unangetastet, wenn auch naturgemäß seine menschen
freundliche Gesinnung, das Wohlwollen gegen alle Wesen, das er
predigte, günstig auf das Verhältnis der einzelnen Kasten unter
einander einwirken mußte. Er lehrte: „Mein Gesetz ist ein Gesetz
der Gnade für alle," und: „Da die Lehre, die ich vortrage, durch
aus rein ist, so macht sie keinen Unterschied zwischen Vornehm
und Gering, zwischen Reich und Arm." „Wie, ihr Mönche, die
großen Ströme, wie die Gahga, die Yamunä, die Aciravati, die
Sarayu, die Mahl, wenn sie den großen Ozean erreichen, ihren
alten Namen und ihr altes Geschlecht verlieren und nur den einen
Namen erhalten, „der große Ozean", so verlieren auch, ihr Mönche,
die vier Kasten, die Lsatriyas und Brähmanas, die Vaisyas und
Südras, wenn sie nach dem Gesetze und der Disziplin, die der