148
Die Wohnungsfrage.
ihre Anlagen auf kleinere Orte mit billigem Boden verlegt,
was sie um so eher kann, als die Verbindung der aufeinander
angewiesenen Werkstätten durch Kleinbahnen vermittelt
werden kann. Auch wird die Gewinnung elektrischer Kraft
an Flüssen, Bergbächen usw. eine Dezentralisierung der
Bevölkerung herbeiführen. Mit Notwendigkeit wird eine
Entvölkerung der großen Städte eintreten, und dieser Um
stand bildet für uns den Kernpunkt zur Lösung der
Wohnungsfrage als eines Teiles der großen sozialen Frage.
Schon bald werden in Preußen die Mieten durch die
Ausführung des Rentengütergesetzes, wodurch wenigstens
wieder mehr Bauernstellen geschaffen werden, ein wenig
sinken. Letzteres wird noch mehr der Fall sein, wenn mau
wirkliche einschneidende Reformen in der angedeuteten
Weise vornimmt. Gesetze über Überfüllung der Wohnungen
werden dann nicht nötig sein. Die Bürger werden bei den
sinkenden Bodenwerten den Raum ihrer Wohnungen groß
genug bemessen können. Ob man Wohnungsinspektoren
einsetzen will, ist uns eine Doktorfrage, und alle die scharfen
Eingriffe, welche Herr Dr. Miquel vor seiner Ernennung
zum Minister zwecks Hebung der Wohnungsnot vorschlug,
waren wohl mehr eine kluge Empfehlung des verehrten
Herren an die Agrarier für die Zeit, da er wirklich auf den
Ministerposten rücken würde. Denn, wie männiglich bekannt,
ist die städtische Wohnungsfrage so recht der Tummel
platz der Agrarier, der Großgrundbesitzer und ihrer Freunde,
hier reagieren sie in zustimmendem Sinne, wenn man sie
mit sozialen Problemen kitzelt. Von einer gründlichen
Revision der Berechtigungen, welche sie auf den ländlichen
Boden zu haben vorgeben, wollen sie nichts wissen, und
deshalb ist ihr Steckenpferd die Ausbeutung des Volkes durch
die städtischen Grundbesitzer. Hier haben sie nicht nur nicht
das geringste gegen die totale Einziehung der städtischen
Bodenrente, nein, sie agitieren mit großem Kraftaufwand