Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

2.  Die  Risiken  des  Kaufmanns.

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unterworfen  sind.  Im  Jahre  1910  fiel  der  Preis  für  Rohzucker  von  Jl  16,—  auf
M.  8,—  die  50  kg;  dagegen  stieg  der  Preis  für  Rohkaffee  von  35  auf  57  Pfg.  das
Pfund.  Es  gibt  im  weiten  Umfang  des  Warenhandels  nur  sehr  wenig  Artikel,  deren
Preis  nicht  großen  Schwankungen  unterworfen  wäre;  diese  Schwankungen  sind
um  so  größer,  je  weniger  die  betreffende  Ware  sich  vom  Zustand  des  Rohproduktes
entfernt  hat,  während  die  Preisschwankungen  sich  verkleinern,  je  weiter  das  Produkt
auf  der  Stufenleiter  der  Verarbeitung  fortschreitet,  bezw.  sich  dem  endgiltigen
Verbrauchszustand  nähert.  Erwägt  man  nun,  welche  gewaltigen  Vorräte  der  Weltwirtschaft ­
  und  mit  ihr  dem  Handel  jederzeit  zur  Verfügung  stehen  müssen,  —  z.  B.
bei  Wolle  der  Weltbedarf  für  annähernd  zwei  Jahre,  für  amerikanische  Baumwolle,
brasilianischen  Kaffee  für  mindestens  ein  Jahr  —  so  kann  man  leicht  berechnen,
daß  Preisschwankungen  z.  B.  von  10  %  den  Wert  der  jederzeitigen  Warenvorräte
um  enorme  Summen  verändern.*)  Da  nun  jedes  Glied  des  wirtschaftlichen  Organismus, ­
  das  für  kürzere  oder  längere  Zeit  einen  Warenvorrat  sich  zugeeignet  hat,
bei  jeder  Preisschwankung  gewinnt  oder  verliert,  so  trägt  es  ein  Risiko,  das,
abgesehen  von  dem  in  Betracht  kommenden  Quantum,  um  so  größer  wird,  je  länger
der  Zeitraum  zwischen  dem  Ankauf  bezw.  der  Erzeugung  und  dem  Verkaufe  bezw.
dem  Verbrauche  ist,  und  je  größere  Preisschwankungen  der  Weltmarkt  für  den  betreffenden ­
  Artikel  aufweist.  Wenn  nun  auch  der  Handel  Einrichtungen  getroffen  hat,
durch  welche  es  dem  einzelnen  Kaufmann  möglich  ist,  sein  Risiko  auf  andere  abzuwälzen,**) ­
  so  ist  es  doch  klar,  daß  dadurch  das  Risiko  keineswegs  verschwindet,
sondern  nur  auf  andere  Weise  unter  die  am  Gesamthandel  teilnehmenden  Glieder
verteilt  wird.  Hieraus  ergibt  sich  ohne  weiteres  der  Schluß:  Das  Preisrisiko  wird
für  jedes  einzelne  Glied  um  so  kleiner,  je  größer  die  Zahl  der  risikotragenden
Zwischenglieder  ist.  Jedes  neue  Glied,  das  in  den  Kreislauf  der
Waren  eingeschaltet  wird,  übernimmt  einen  Teil  des  Gesamtrisikos, ­
  vermindert  somit  das  der  anderen  Glieder;  umgekehrt ­
  muß  das  Risiko,  das  bisher  ein  Zwischenglied  getragen
hat,  von  demjenigen  Glied  übernommen  werden,  das  an
dessen  Stelle  treten  will,  bezw.  jenes  ausschaltet.***)  Hieraus
folgt:  Wer  direkt  kauft,  bezw.  verkauft,  übernimmt  auch  ein
größeres  Preisrisiko.
2.  Das  Kreditrisiko.  Jedes  selbständige  Glied,  durch  dessen  Hand  die
Ware  geht,  ist  einmal  Käufer  und  einmal  Verkäufer;  vollzieht  sich  der  Kauf  nicht
Zug  um  Zug,  so  entstehen  Kreditverhältnisse;  jedes  Glied  wird  durch  Kauf  und
Verkauf  einmal  Schuldner  und  einmal  Gläubiger.  Für  den  Gläubiger  entsteht  ein
Kreditrisiko,  das  im  allgemeinen  —  unter  sonst  gleichen  Verhältnissen  —  um
so  größer  wird,  je  länger  die  zeitliche  Trennung  zwischen  Kauf  und  Zahlung  und
je  größer  die  räumliche  Trennung  zwischen  Gläubiger  und  Schuldner  wird.  Wird
also  durch  Ausschaltung  bestehender  Glieder  der  Handelsorganisation  auch  je  ein
Gläubiger-  und  Schuldverhältnis  ausgeschaltet,  somit  scheinbar  das  Gesamtrisiko

*)  So  wurde  z.  B.  festgestellt,  daß  im  Jahre  1907,  das  für  fast  sämtliche  Waren  sehr  starke
Preissteigerung  aufwies,  der  Marktwert  sämtlicher  Seidenvorräte  um  ca.  600  Millionen  M
größer  war  als  in  den  Vorjahren  (auf  die  gleiche  Menge  bezogen).
**)  Gemeint  ist  der  Terminhandel,  f.  S  ch  ä  r  a.  a.  O.  S.  306.  —  G.  M.
***)  Wir  wollen  jedoch  nicht  unterlassen,  darauf  aufmerksam  zu  machen,  daß  bei  Ausschaltung ­
  sämtlicher  Zwischenglieder  ein  anderes  Ergebnis  möglich  ist:  Ausschaltung  des  Einflusses ­
  des  Weltmarktes  und  damit  auch  der  Preisschwankungen  überhaupt,  ein  Zustand,  der
beim  Petroleumhandel  erreicht  ist.  Unstreitig  ist  es  aber  für  die  Gesamtwirtschaft  besser,
wenn  der  Preis  vom  Weltmarkt  und  nicht  von  einer  kapitalistischen  Großmacht,  einer
Monopolgesellschaft,  abhängig  ist.
            
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