Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

11.  Nationale  Pflichten  der  Banken  und  der  Kapitalisten  im  Kriegsfälle.  303

11.  Nationale  Pflichten  der  Banken  und  der
Kapitalisten  im  Kriegsfalle.
Bon  Max  Schinckel.
Schinckel,  Nationale  Pflichten  der  Banken  und  Kapitalisten  im  Kriegsfall.  In:  Bankarchiv. ­
  Herausgegeben  von  Rießer.  5-  Jahrgang.  Berlin,  I.  Guttentag,  1905.  S.  41—44.
Kriege  werden  heutzutage  nicht  mehr  geführt,  um  den  persönlichen  Ehrgeiz  der
Machthaber  zu  befriedigen;  auch  angestammte  Feindschaft  einzelner  Nationen  gegeneinander ­
  vermag  kaum  noch  die  angesichts  der  modernen  Hilfsmittel  und  der  allgemeinen ­
  Wehrpflicht  immer  verheerender  in  das  Geschick  der  einzelnen  eingreifende
Kriegsfurie  zu  entfesseln.  Nur  da,  wo  die  immer  enger  im  Raum  sich  stoßenden
wirtschaftlichen  Interessen  der  einzelnen  Völker  aufeinander  platzen,  besteht  die
Gefahr,  daß  die  Kunst  der  Diplomatie  versagt,  und  daß  um  die  Wahrung  vitaler
Interessen  mit  dem  Schwert  in  der  Hand  gekämpft  werden  muß.
Es  ist  zurzeit  nicht  mehr  der  Kaufmann  allein,  der  die  wirtschaftlichen  Interessen
seines  Landes  dem  Ausland  gegenüber  vertritt,  —  auf  dem  ganzen  Erdenrund  folgt
jetzt  nicht  nur  die  Flagge  dem  Handel,  sondern  ebenso  häufig  weist  die  Kriegsflagge
dem  Handel  und  der  Industrie  und  in  den  Kolonien  und  den  Schutzgebieten  auch  der
Landwirtschaft  die  Wege.  Die  gesamte  Wissenschaft,  soweit  sie  sich  mit  dem  sich  von
Jahr  zu  Jahr  erweiternden  Gebiet  der  Volkswirtschaft  befaßt,  fordert  eine  Ausdehnung ­
  des  Feldes  für  wirtschaftliche  Betätigung  und  damit,  wenn  auch  oft  unbewußt, ­
  eine  Ausdehnung  der  wirtschaftlichen  Machtsphäre.
Hieraus  folgt,  daß  alle  Völker,  deren  wirtschaftliche  Entwickelung  nicht  zurückgehen ­
  soll,  sondern  —  Stillstand  gibt  es  auch  hier  nicht  —  sich  noch  in  aufsteigender
Richtung  bewegt,  auf  die  Eventualität  eines  Krieges,  auch  bei  der  größten  Friedfertigkeit ­
  ihrer  Regierungen,  gefaßt  und  gerüstet  sein  müssen.  Und  da  das  anerkannt  beste
Mittel  zur  Vermeidung  eines  Krieges  oder  doch  des  unglücklichen  Verlaufs  eines
Krieges  die  stete  Kriegsbereitschaft  ist,  so  soll  durch  diese  Skizze  ein  Blick  auf  unsere
Rüstung,  und  zwar,  wie  es  diesen  Blättern  entspricht,  nur  auf  unsere  wirtschaftliche
Rüstung,  geworfen  werden.
Nach  einer  sehr  alten  Erfahrung  gehört  zur  erfolgreichen  Führung  eines  Krieges
Geld  und  dreimal  Geld,  und  wenn  man  sich  erinnert,  wie  jüngst  im  russisch-japanischen
Kriege  die  kriegführenden  Mächte  sich  durch  gewaltige  Anleihen  im  voraus  so
st  a  r  k  mit  Geld  versahen,  daß  die  russischen  und  japanischen  im  Auslande  unterhaltenen ­
  Guthaben  alle  Geldmärkte  überschwemmten,  so  sollte  man  meinen,  daß
dieser  alte  Erfahrungssatz,  nach  welchem  Geld  das  Haupterfordernis  für  einen  Krieg
ist,  auch  heute  noch  Giltigkeit  hat.
Nun,  wir  wissen,  daß  dieser  Grundsatz  „vom  Gelde"  einer  starken  Einschränkung
zu  unterwerfen  ist;  wir  wissen,  daß  ganz  andere  nationale  Güter  und  Eigenschaften
den  Ausschlag  geben;  wir  wissen,  daß  die  f  r  i  d  e  r  i  c  i  a  n  i  s  ch  e  n  Kriege  zuguterletzt ­
  mit  sehr  wenig  Geld  zu  einem  guten  Ende  geführt  wurden;  wir  wissen,  daß
das  „rangierte"  Preußen  bei  Jena  unterlag,  und  daß  feine  Befreiungskriege  nicht
wegen,  aber  doch  trotz  des  Mangels  an  Geld  siegreich  waren;  wir  sehen  endlich,  wie
noch  heute  Rußland,  obwohl  es  über  reichliche  Geldmittel  verfügte,  keinen  einzigen
Erfolg  zu  verzeichnen  hatte.  Der  Sieg  über  einen  gleichstarken  oder  stärkeren  Feind
ist  eben  nur  unter  Einsetzung  aller  nationalen  Kräfte  und  unter  williger  Hingabe
aller  nationalen  Mittel  zu  erringen.  Persönliche  Aufopferung  eines  jeden  einzelnen, ­
  unbedingte  Disziplin,  Unbestechlichkeit  und  Uneigennützigkeit,  gleichviel  ob
Geld  oder  ob  Würden  in  Betracht  kommen,  fallen  im  Kriegsfall  mehr  ins  Gewicht
als  mit  Geld  angefüllte  Staatskassen.
            
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