Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

1.  Zur  Philosophie  des  Erfindens.

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möglich  die  neue  Wahrheit  in  wissenschaftlicher  Form  festzulegen.  Hier  haben  wir
den  weltvergessenen  Gelehrten,  wie  er  im  Buche  steht!  Seine  Wissenschaftl
  i  ch  e  n  Forschungen  über  die  von  ihm  entdeckten  Gesetze  des  Hebels  hinderten  ihn
jedoch  nicht,  dieselben  beim  Bau  von  Palästen,  beim  Stapellauf  von  Riesenschiffen^
bei  der  Verteidigung  seiner  Vaterstadt  in  der  mannigfachsten  Weise  zur  Anwendung
zu  bringen.  Seine  hydraulischen  Studien  führten  zur  Erfindung  der  Wasserschnecke,
die  in  Bergwerken  und  in  der  Landwirtschaft  jahrhundertelang  zum  Heben  des
Wassers  Verwendung  fand  und  es  noch  heute  tut,  ja,  es  finden  sich  bei  ihm  die
ersten  Spuren  eines  Schießpulvers  und  der  Benutzung  des  Wasserdampfs  zur  Erzeugung ­
  von  Bewegung,  wenn  auch  in  den  beiden  letzterwähnten  Fällen  von  einer
förmlichen  Erfindung  nicht  entfernt  die  Rede  sein  kann.  Hier  sehen  wir  einen  Geist  an
der  Arbeit,  der  mit  vollem  Bewußtsein  auf  allen  Gebieten  der  Körperwelt  nach  neuen
Mitteln  sucht,  den  widerstrebenden  Stoff  in  den  Dienst  der  Menschheit  zu  zwingen,
und  diese  Mittel  in  der  scharfsinnigsten  Weise  zu  zergliedern  und  ihren  Zusammenhang
in  allgemeinen  Gesetzen  festzustellen  weiß.  Aber  auch  bei  ihm  ist  der  Gedankenblitz
der  Schöpfer  und  das  Nachdenken,  das  Ausführen  und  Anwenden  der  Erhalter  und
Weiterbildner  des  so  Geschaffenen.
Langsam  und  in  mühevoller  Weise  arbeitete  sich  die  Menschheit  wieder  empor
aus  der  Vernichtung  der  klassischen  Kulturwelt,  die  so  viel  mehr,  als  uns  gewöhnlich
zum  Bewußtsein  kommt,  auf  dem  praktischen  Boden  des  Lebens  stand.  Die  allgemeine ­
  Not  tritt  uns  in  diesen  Jahrhunderten  in  mannigfacher  und  grosser  Weise  entgegen. ­
  Von  durchgreifenden  Erfindungen,  ihr  zu  steuern,  hören  und  sehen  wir  wenig,
denn  die  Not  machte  auch  in  jenen  Zeiten  nicht  erfinderisch.  Erst  gegen  Ende  des
Mittelalters  bemerken  wir  ein  lebhafteres  Wiedererwachen  von  geistigen  Kräften  und
Fähigkeiten,  die  sich  auf  dem  Gebiet  des  Erfindens  geltend  machten.  Ein  Freiburger
Mönch,  der  in  seiner  Klosterküche  nach  alchimistischen  Präparaten  sucht,  mußte  der
Welt  das  Mittel  in  die  Hand  geben,  das  nach  kurzer  Zeit  einer  ganzen  Geschichtsperiode ­
  ein  Ende  machte.  Ein  Mann  des  Friedens  erfindet  die  auf  Jahrhunderte
fürchterlichste  Kriegswaffe  der  Menschheit.  So  wenig  bindet  sich  das  Weben  und
Wollen  des  Geistes,  der  durch  die  Welt  geht,  an  äußerliche  Schranken,  an  zünftiges
Wissen  und  Können,  an  die  Schulweisheit  des  Augenblicks.  Zufall!  lautet  natürlich
die  bequeme  Erklärung  aller  unbequemen  Tatsachen.
Wir  wollen  nicht  wiederholen,  was  auch  in  diesem  Fall  vom  Zufall  zu  denken
ist.  Zu  einer  andern  Beobachtung  gilt  uns  das  berührte  weltgeschichtliche  Ereignis
Veranlassung:  wie  Erfindungen  von  höchster  Bedeutung  kaum  je  einem  bestimmten
Zeitpunkt,  einer  bestimmten  Person  zugeschrieben  werden  können.  Ein  anderer
Mönch,  Roger  Bacon,  hatte  schon  hundert  Jahre  zuvor  eine  Art  Pulver  erfunden.
Das  griechische  Feuer,  ein  Gemenge  wie  Pulver,  aus  Kohle,  Schwefel  und  Salpeter,
war  im  Mittelalter  wohlbekannt.  Die  Chinesen  besaßen  Pulver  lange  vor  dieser
Zeit.  Ähnliches  zeigt  die  Geschichte  aller  größeren  Erfindungen.  Ihr  Auftreten  läßt
sich  an  vier,  fünf  und  mehr  Stellen  oft  gleichzeitig,  oft  auch  um  Jahrhunderte  getrennt
beobachten.  Zur  eigentlich  lebensfähigen  Erfindung  wird  der  Gedanke  erst,  wenn
er  zwei  andere  Stufen  durchlaufen  hat:  die  erfolgreiche  Verkörperung  und  feine
Einführung  in  die  reale  Welt.
Größer,  weltbezwingender  noch  als  die  Erfindung  des  Schießpulvers  war  die
der  Vuchdruckerkunst;  größer  auch  als  der  einfache  Mönch  zu  Freiburg  waren  ihre
Erfinder.  Auch  dieser  Gedanke  hatte  seine  Vorläufer.  Bücher  wurden  mit  Hilfe  von
geschnitzten  Holzplatten  hergestellt,  die  gefärbt  auf  Papier  oder  Pergament  gedrückt
wurden,  ein  Verfahren,  das  seinerseits  eine  unschwer  zu  erfindende  Erweiterung  der
uralten  Sitte  war,  den  Namenszug  an  einem  Siegelring  einem  zu  unterzeichnenden
Schriftstück  aufzudrücken.  Die  Platte  in  einzelne  Buchstaben  zu  zerschneiden  und  diese
            
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