Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

518 Vierter Teil. Weltwirtschaft und Handelspolitik. IV. Deutsche Handelspolitik. 
mit fremdem Material versorgten. Die Lage der Hochöfen, denen man im Jahre 1873 
den Zollschutz genommen hatte, wurde daher eine recht bedrängte. Dazu kam der 
Ausbruch der Krisis, unter welcher die deutsche Eisenindustrie umsomehr zu leiden 
hatte, als sie sich weit über den Bedarf des Inlandes hinaus ausgedehnt hatte. Und 
mitten in dieser Notlage beging man den Fehler, den letzten Schutz gegen die Mit 
bewerbung des Auslandes fallen zu kaffen. Trotzdem gelang es nun zwar der aus 
ländischen Industrie nicht, ihre Einfuhr nach Deutschland dauernd zu steigern, noch 
auch kam es zu einer Einschränkung der inländischen Gesamtproduktion, aber es 
kostete doch einen schweren Kampf, die fremde Konkurrenz zu bestehen, das Verlangen 
nach Schutzzöllen wurde immer dringender, und so erfolgte denn im Jahre 1879 ihre 
Wiedereinführung. Sie konnte in erster Linie für die Hochofenindustrie nach der da 
maligen Sachlage für erforderlich gehalten werden, und es erscheint auch künftighin 
für gewisse Fabrikate ein mäßiger Zollschutz als wünschenswert. 
Aber abgesehen hiervon, hat die Erfindung, welche mit einer gewissen historischen 
Notwendigkeit um diese Zeit gemacht werden mußte, die der Entphosphorung des 
Roheisens, die letzte wesentliche Ursache der Unselbständigkeit des deutschen Eisen 
gewerbes beseitigt; es steht jetzt jedem Konkurrenten in der Hauptsache ebenbürtig 
gegenüber, die Zeit seines Mannesalters scheint gekommen zu sein. 
Aus der Beobachtung heraus, daß die Staaten des Festlandes überhaupt un 
gefähr den gleichen Grad industrieller Entwicklung erreicht haben, ist wohl wesentlich 
die neuerdings mehrfach angeregte Idee eines Zollvereins der Kontinentalstaaten 
gegenüber dem in einzelnen Industrien noch besonders mächtigen Großbritannien und 
den rasch emporstrebenden Vereinigten Staaten von Amerika hervorgegangen. Sicher 
würde jedes einzelne Land von der Verwirklichung dieses Gedankens die gleichen Vor 
teile für feine Entwicklung ziehen wie dereinst die deutschen Staaten von ihrer Zoll 
vereinigung, seiner Ausführung jedoch stehen nur schwer zu überwindende Hindernisse 
wohl dauernd entgegen. 
Daß hingegen eine größere handelspolitische Annäherung der Völker Europas 
sicher eintreten muß, dafür bürgt das Gesetz ihrer materiellen und geistigen Entwick 
lung, wie es der bisherige Lauf der Geschichte erkennen läßt, und die Tatsache, daß 
jede Wahrheit in der Wissenschaft wie im öffentlichen Leben sich noch zu allen Zeiten 
Bahn gebrochen hat.
	        
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